{"id":496,"date":"2022-07-07T12:16:19","date_gmt":"2022-07-07T10:16:19","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=496"},"modified":"2022-08-24T16:16:02","modified_gmt":"2022-08-24T14:16:02","slug":"im-dorf-der-freien-frauen-eindruecke-aus-jinwar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=496","title":{"rendered":"Im Dorf der freien Frauen &#8211; Eindr\u00fccke aus Jinwar"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>15.12.2018<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag gegen Gewalt an Frauen* ist ein Tag, an dem wir voller Wut \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde sind, welche sich gegen Frauen* Trans* und Inter* richten. Es ist auch ein Tag, an dem wir voller Stolz sind, weil wir uns noch einmal bewusst machen, dass wir Viele sind, die k\u00e4mpfen \u2013 und dass wir mit Vielen auch Gro\u00dfes aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"432\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/79-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-520\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/79-edited.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/79-edited-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Etwas, das in den letzten zwei Jahren hier in Rojava und Nordsyrien aufgebaut wurde, ist das Frauendorf Jinwar. Der Tag gegen Gewalt an Frauen* wurde gew\u00e4hlt um das Dorf offiziell zu er\u00f6ffnen. Ein Teil unserer Delegation hatte die M\u00f6glichkeit hinzufahren und einige Zeit dort zu bleiben, w\u00e4hrend die anderen zu einer Demonstration nach Qami\u015flo fuhren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen bei Vollmond an; der Regen hat die letzten Tage die Erde so aufgeweicht, dass wir durch Schlammpf\u00fctzen stapfen m\u00fcssen, um bei dem Haus der Freundinnen anzukommen. Doch trotz Schlamm und Matsch ist die Sch\u00f6nheit des Dorfes auch bei Nacht zu sehen. Die H\u00e4user sind alle aus Lehm und in einer runden, organischen Weise gebaut. Auf einem Steinbau, der noch aus Regimezeiten vorhanden ist, wurden Wandbilder, die starke Frauen, zum Beispiel aus der mesopotamischen Mythologie zeigen, gemalt. Wenn das Wetter es zul\u00e4sst, ist geplant noch befestigte Wege mit gro\u00dfen Maschinen anzulegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"432\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/77-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-523\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/77-edited.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/77-edited-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe Teile Rojavas wurden der Bev\u00f6lkerung unter Hafiz Al-Assad in den 60er Jahren enteignet und f\u00fcr Getreide-Monokulturen benutzt. Der Ertrag blieb zumeist nicht in Nordsyrien. Mit der autonomen Selbstverwaltung kann die Ernte nun von den Kommunen selbst genutzt werden. Eine Freundin erz\u00e4hlt, dass der Boden durch die vielen Pestizide ziemlich ausgelaugt und hart geworden sei, was sich aber jetzt schon, nach zwei Jahren eigenem Anbau, \u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbringen den ersten Abend damit, aus Luftballons und Krepp-papier Deko f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zu basteln, was eine Freundin scherzhaft als \u201eechte revolution\u00e4re Arbeit\u201c bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"480\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/4-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-522\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/4-edited.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/4-edited-300x188.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Tag darauf wird bei Sonne und blauem Himmel die Er\u00f6ffnung des Dorfes gefeiert. Durch die Sonne kommen die warme Farbe des Lehms und die liebevollen Details zum Vorschein. Die Er\u00f6ffnung besuchen mehrere hundert Menschen, viele aus den Nachbard\u00f6rfern und umliegenden St\u00e4dten, aber auch von weiter weg kommen sie nach Jinwar. Die Besucherinnen sind mehrheitlich Frauen, viele von Frauenorganisationen, zum Beispiel Freundinnen von der alternativen Wissenschaft Jineoloj\u00ee, Frauen aus dem Frauendachverband Kongreya Star oder von den Frauen-Volksverteidigungskr\u00e4ften YPJ.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr ber\u00fchrend mit den verschiedenen Frauen zu feiern und zu tanzen, die auf unterschiedliche Art zur Verwirklichung der Frauenrevolution beitragen. Die das Land verteidigt haben und es m\u00f6glich machten, dass es nun ein Dorf nur f\u00fcr Frauen und Kinder gibt, die ein kollektives, autonomes Leben aufbauen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jinwar gibt es jetzt 30 Wohnh\u00e4user in unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen, einen Dorfplatz, eine Akademie f\u00fcr die Region, eine Grundschule, ein Gesundheitszentrum, einen kleinen Laden und eine B\u00e4ckerei. Die verschiedenen Lehmh\u00e4user und teilweise gr\u00f6\u00dfere Lehmgeb\u00e4ude wurden mit viel Kreativit\u00e4t gebaut und jedes Haus ist einzigartig. Die Akademie mit Ausstellungen verschiedenster Handwerkskunst <em>made by women<\/em>, ist von innen besonders sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"576\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/81.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-451\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/81.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/81-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Vom Dorfplatz aus kann man \u00fcber eine Treppe auf das Dach der Gemeinschaftsk\u00fcche gehen. Von dort hat man einen Blick auf das ganze Dorf. Daneben gibt es noch einen gemeinsamen Garten, sowie Schafe, H\u00fchner, Pfauen und Hunde, um die sich gemeinsam gek\u00fcmmert wird. Au\u00dferdem gibt es noch ausreichend Land, auf dem auch Getreide angebaut werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bisher sind nur acht der 30 H\u00e4user bewohnt von insgesamt neun Frauen und fast 30 Kindern. In den wenigen Tagen, die wir in Jinwar bleiben, haben wir die Gelegenheit die Frauen und Kinder im Dorf besser kennenzulernen. Wir werden viel eingeladen und erleben, dass es auch f\u00fcr die Frauen und besonders die Kinder selbstverst\u00e4ndlich scheint, in die H\u00e4user der anderen zu laufen, sich gegenseitig zu besuchen und gemeinsame Arbeiten zu machen. In Jinwar leben Kurd*innen aus den verschiedenen Regionen Kurdistans, Araber*innen und Ezid*innen. Dass es nicht f\u00fcr alle eine gemeinsame Sprache gibt, verhindert nicht das kollektive Zusammenleben. An einem Abend kochen wir zum Beispiel mit einer arabisch-sprechenden, einer kurdisch-sprechenden und einer geh\u00f6rlosen Frau zusammen und verbringen trotz der Kommunikationsh\u00fcrden einen wunderbaren Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Frau, die in Jinwar lebt, hat eine bewegende Geschichte, oder wie eine Freundin aus dem Dorf es beschreibt: \u201eMan k\u00f6nnte ein ganzes Buch \u00fcber mein Leben schreiben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir merken bei den Gespr\u00e4chen auch, wie sehr es ein Frauendorf braucht und dass es eigentlich noch viel mehr davon br\u00e4uchte. Die meisten Frauen, die in Jinwar leben, kommen aus gewaltvollen Partnerschaften oder sind verwitwet. Da es der patriarchalen Logik nach hier hei\u00dft, dass Frauen nicht alleine leben k\u00f6nnen, m\u00fcssen Frauen, deren Mann sie verl\u00e4sst oder der stirbt, meist zur\u00fcck zu ihren Familien, oder zur Familie des Mannes ziehen. Frauen werden, wenn sie das nicht wollen, unter Druck gesetzt, zum Beispiel indem ihnen gedroht wird, ihnen die Kinder wegzunehmen. Mit Jinwar gibt es nun eine Alternative f\u00fcr diese Frauen, um dem Druck zu entfliehen. Sie k\u00f6nnen dort zusammen mit anderen Frauen \u201ealleinstehend\u201c und mit ihren Kindern in einem Haus leben. Der Einzug in das Frauendorf bedeutet f\u00fcr viele Frauen einen Neuanfang. Zwar gibt es in den Geschichten der Frauen Gemeinsamkeiten, aber an sich hat jede eine ganz eigene Geschichte, warum sie hier ist. Nicht f\u00fcr alle Bewohnerinnen von Jinwar ist der Einzug in das Dorf die letzte M\u00f6glichkeit, sich aus gewaltvollen Beziehungen oder patriarchalen Familienverh\u00e4ltnissen loszul\u00f6sen. Einige Frauen haben das Dorf im Fernsehen gesehen und fanden es eben eine gute Idee in einem Dorf ohne M\u00e4nner zu leben. Doch f\u00fcr alle Frauen ist Jinwar nun ein neues Kapitel im Leben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"432\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/76-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-524\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/76-edited.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/76-edited-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Anders als wir es vielleicht von den meisten Frauenh\u00e4usern oder Frauenschutzr\u00e4umen in Deutschland kennen, ist Jinwar aber nicht nur ein Schutzraum, sondern ein Projekt der Jineoloj\u00ee.<\/p>\n\n\n\n<p>Angelehnt an Forschungen dar\u00fcber, wie Frauen in matriarchalen Communities zusammen lebten, wird in Jinwar das gemeinsame Leben und die Organisierung von Frauen erprobt. Denn im neolithischen Zeitalter, der Zeit in der wir von einem Matriarchat in Mesopotamien sprechen k\u00f6nnen, wurde das gesellschaftliche Zusammenleben in erster Linie von Frauen getragen und durch eine \u00f6kologische Lebensweise ein nachhaltiges Verh\u00e4ltnis zur Natur geschaffen. Deshalb wurde in Jinwar m\u00f6glichst umweltschonend gebaut, mit lokalen Ressourcen in traditioneller, tausende Jahre alter Bauweise. Perspektivisch wollen sich die Frauen so weit es geht auch selbst versorgen. Deshalb ist ein kommunaler Alltag wichtig. Die Frauen essen meist zusammen, unterst\u00fctzen sich gegenseitig, ziehen gemeinsam die Kinder gro\u00df und machen die Arbeiten zusammen, bzw. rotieren mit den Arbeiten, die anstehen, wie z.B. dem Garten, der Schafherde, der B\u00e4ckerei. Daher organisieren sich die Frauen, treffen sich, um das Zusammenleben zu regeln und gr\u00fcnden kurz nach dem Tag der Er\u00f6ffnung einen Dorfrat, der an das konf\u00f6derale System angebunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Jinwar ist somit ein Beispiel, ein Projekt, bei dem geschaut wird, wie matriarchale Kulturen heutzutage funktionieren k\u00f6nnen. Selbst wenn matriarchal nicht gleich ohne M\u00e4nner hei\u00dft, da auch M\u00e4nner und andere Geschlechtsidentit\u00e4ten in matriarchalen Kulturen vorkommen, ist das Zusammenleben von Frauen darin elementar. \u201eForschung der Jineoloj\u00ee\u201c meint auch nicht Forschung im positivistischen Sinne \u00e0 la Experiment, entweder funktioniert es oder es funktioniert nicht. Viel eher soll ein nachhaltiges kommunales Zusammenleben erprobt werden und in jedem Fall werden wir alle davon lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.12.2018 Der Tag gegen Gewalt an Frauen* ist ein Tag, an dem wir voller Wut \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde sind, welche sich gegen Frauen* Trans* und Inter* richten. 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