{"id":631,"date":"2022-08-22T22:37:03","date_gmt":"2022-08-22T20:37:03","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=631"},"modified":"2022-08-24T16:07:43","modified_gmt":"2022-08-24T14:07:43","slug":"in-afrin-hat-es-genauso-begonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=631","title":{"rendered":"\u201eIn Afr\u00een hat es genauso begonnen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>27.12.2018<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in den letzten Tagen Erdogan den Kanton Cizire bedroht, besuchen wir ein Dorf von aus Afr\u00een gefl\u00fcchteten Familien. Im Geb\u00e4ude des Dorfrates von Til Nasri trefft ein Teil der Delegation der Kampagne \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen\u201c auf den Rat der Gefl\u00fcchteten aus Afr\u00een, die in diesem Dorf untergekommen sind. Eine Begegnung, die uns unter die Haut geht. F\u00fcnf Stunden lang berichten uns die Augenzeuginnen und Protagonist*innen des Krieges in Afr\u00een aus ihrem Leben, wir weinen und lachen zusammen. Es schwebt im Raum, dass das was sie erlebt haben und uns gerade erz\u00e4hlen, eventuell den Menschen im Kanton Cizire auch drohen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir waren alle bis zur letzen Minute des Krieges in Afr\u00een, jetzt sind 118 Familien hier untergekommen\u201c, berichtet Ehlam Omer uns. Til Nasri ist eigentlich ein assyrisches Dorf, das 2015 von Daesh eingenommen wurde. Hunderte Menschen wurden von hier entf\u00fchrt, einige vor laufenden Kameras hingerichtet. Danach haben fast alle Assyrer*innen das Dorf verlassen. W\u00e4hrend der Befreiung dieses Dorfes hat Ivana Hoffmann aus Duisburg ihr Leben im Kampf gegen Daesh verloren. Doch davon werden wir an anderer Stelle berichten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"700\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/39.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-409\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/39.jpg 1000w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/39-300x210.jpg 300w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/39-768x538.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst erz\u00e4hlt Ehlam noch davon wie die Revolution in Afr\u00een sich entwickelte. Bis 2012, innerhalb eines Jahres wurden z.B. in allen 366 D\u00f6rfern kurdischsprachige Schulen aufgebaut. Die Armee des Regimes hatte sich weitgehend kampflos aus Afr\u00een zur\u00fcckgezogen. Sieben Jahre war Afr\u00een danach unter einem fast totalen Embargo, Selbstversorgungstrukturen mussten aufgebaut werden. Trotzdem wurden zehntausende Menschen aus Halep (Aleppo) und \u015eahba aufgenommen und versorgt. \u00dcberall wurden Frauenkommunen aufgebaut und mit Sicherheit war Afr\u00een der Ort, an dem das System der Frauenbewegung am weitesten entwickelt war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAm 23. Januar begannen t\u00fcrkische Kampfflugzeuge gegen vier Uhr nachmittags Afr\u00een zu bombardieren. Wir hatten die Drohung Erdogans erst nicht so richtig ernst genommen. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass er einfach so zivile D\u00f6rfer und sogar die Stadt Afr\u00een bombardiert. Ich war in die Stadt gefahren, um Freund*innen zu besuchen. Dann erreichte mich ein Anruf, mein kleiner Sohn war am Telefon, weinte und schrie, ich soll sofort kommen, das Dorf werde bombardiert. Vor Angst bin ich fast gestorben, ich habe kein Auto gefunden, das mich ins Dorf bringt, die Telefone haben nicht mehr funktioniert\u201c. Bis vier Uhr morgens Ungewissheit, auch \u00fcber die Tochter, die sich in einem YPJ Punkt befand, der bombardiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ich erlebt habe, haben alle M\u00fctter hier erlebt, denn aus fast jeder Familie waren T\u00f6chter oder S\u00f6hne bei den YPG und YPJ.\u201c Sie berichtet weiter, dass alle K\u00e4mpfer*innen der YPG und YPJ zu 100% aus Afr\u00een waren, denn aufgrund der Belagerung der T\u00fcrkei von allen Seiten, war eine Selbstverteidigung innerhalb der Bev\u00f6lkerung aufgebaut worden. \u201eWir haben versucht, an der Grenze Aktionen gegen den Krieg zu machen, uns als lebende Schutzschilde vor die Soldaten zu stellen, aber sie haben einfach auf die Frauen geschossen, Fatma, eine Mutter von vier Kindern, wurde dabei get\u00f6tet. Die T\u00fcrkei hatte Camps auf der anderen Seite vorbereitet, sie wollten das Land entv\u00f6lkern.\u201c Ehlam berichtet weiter, dass die Bev\u00f6lkerung entschlossen war nicht zur\u00fcckzuweichen, aber die Kampfjets der T\u00fcrkei bombardierten die D\u00f6rfer r\u00fccksichtslos. Dennoch glaubten die Menschen zun\u00e4chst, die Stadt w\u00fcrde verschont werden. Auch zivile Konvois, die aus Minbic, Koban\u00ee und Cizire zur Unterst\u00fctzung gekommen waren, wurden aus der Luft bombardiert. Zun\u00e4chst von Jets, sp\u00e4ter auch von bewaffneten Drohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir hatten keine Erfahrung im Kampf gegen eine NATO Armee\u201c, berichtet heval Xelil. \u201eAber ohne die Luftangriffe h\u00e4tten wir Afr\u00een am Boden noch monatelang verteidigen k\u00f6nnen. 90% der K\u00e4mpfer*innen als auch Zivilist*innen sind durch Luftangriffe gefallen.\u201c W\u00e4hrend wir hier zusammen sitzen und sprechen, laufen im Fernsehen, der an der Wand h\u00e4ngt, Bilder der aktuellen Bedrohung durch Erdogan, man sieht Trump, Panzer an der Grenze. \u201eIn Afr\u00een hat es genauso angefangen\u201c, sagt heval Xelil. \u201eJetzt sagt Trump, wir werden uns zur\u00fcckziehen. In Afr\u00een war es Russland, die haben sich auch zur\u00fcckgezogen. Wenn sich jetzt Amerika zur\u00fcckzieht, ist das genau das gleiche.\u201c Diese Luftangriffe h\u00e4tten enorme psychische Auswirkungen auf die Kinder. Sie spielen immer noch mit St\u00f6cken, als seien diese Waffen. In dem Moment zeigt Xelil nach drau\u00dfen, wo tats\u00e4chlich einige Kinder herumlaufen und so tun, als w\u00fcrden sie mit Gewehren aufeinander schie\u00dfen. \u201eMein kleiner Sohn hat drei Monate nach dem Krieg nicht gesprochen und jede Nacht eingen\u00e4sst\u201c, berichtet R\u00fbxwe\u015f.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIrgendwann war klar, dass kein Mensch lebend aus der Stadt herauskommen w\u00fcrde. Wir mussten gehen. Wir sind nach \u015eahba geflohen. Als wir dort angekommen sind, hat mein Telefon geklingelt. Es war die Kommandantin meiner Tochter Kurdistan. Kurdistan hatte sich den YPJ angeschlossen. Sie ist am 15. M\u00e4rz, an dem wir Afr\u00een verlassen mussten, durch einen Luftangriff gefallen.\u201c Unter Tr\u00e4nen berichtet Ehlam weiter, dass Kurdistan ihr gesagt hatte: \u201eWenn ich falle Mama, musst du ein Lied f\u00fcr mich singen. Ich kann dieses Lied nicht singen, bevor ich nicht zur\u00fcck bin auf dem Boden von Afr\u00een. Viele M\u00fctter haben den Tod ihrer Kinder nicht offiziell bekannt gegeben, das machen wir erst, wenn wir wieder in Afr\u00een sind. Kurdistan wollte, dass ich dieses Lied f\u00fcr sie zuhause singe. Meine Tochter ist f\u00fcr unser Land gefallen, und wir haben dieses Land trotzdem verlassen m\u00fcssen, das ist das Schlimmste f\u00fcr mich. Es ging Erdogan nicht nur darum, sich das Land anzueignen und auszupl\u00fcndern, sondern auch darum einen Genozid an den Kurd*innen zu ver\u00fcben. Und um ihm diese Genugtuung nicht zu lassen, sind wir aus Efrin weggegangen. Aber wir wollen zur\u00fcck auf unsere Erde, f\u00fcr die unsere Kinder gefallen sind. Selbst wenn man mir hier alles vergolden w\u00fcrde, ich will zur\u00fcck auf unsere Erde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die anderen in der Runde nicken best\u00e4tigend. Ehlam berichtet weiter: \u201eHeute erkl\u00e4rt Erdogan neue Drohungen gegen Cizire. Aber f\u00fcr uns gibt es kein Zur\u00fcckweichen mehr, es gibt keinen Platz. Als wir in Afr\u00een waren, konnten wir noch sagen, wir gehen nach \u015eahba. Als wir in \u015eahba waren, konnten wir sagen, wir gehen nach Cizire. Jetzt wo wir in Cizire sind, gibt es keinen anderen Ort mehr, wo wir hingehen k\u00f6nnen. Wir gehen nirgendwo hin. Wie lange soll das noch weitergehen? All die ganzen Menschen, wo sollen die hin?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage verhallt im Raum. Ein kurzer Moment der Stille, in dem jede von uns in Gedanken versunken ist. Elham spricht weiter: \u201eWir fordern eine Flugverbotszone \u00fcber Nordostsyrien. Ohne die Bomben, wissen wir uns zu verteidigen. Mein anderer Appell richtet sich an die NATO-Staaten, sich Erdogans Aggressionen entgegen zu stellen. Niemand sollte diesem Wahnsinn gegen\u00fcber stumm bleiben. Wir wollen von niemanden Waffen, wir wollen von niemanden Geld, wir fordern nur einen politischen Willen, sich gegen die Angriffe der T\u00fcrkei zu stellen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.12.2018 W\u00e4hrend in den letzten Tagen Erdogan den Kanton Cizire bedroht, besuchen wir ein Dorf von aus Afr\u00een gefl\u00fcchteten Familien. Im Geb\u00e4ude des Dorfrates von Til Nasri trefft ein Teil der Delegation der Kampagne \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen\u201c auf den Rat der Gefl\u00fcchteten aus Afr\u00een, die in diesem Dorf untergekommen sind. 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