{"id":643,"date":"2022-08-22T22:58:19","date_gmt":"2022-08-22T20:58:19","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=643"},"modified":"2022-08-24T16:05:33","modified_gmt":"2022-08-24T14:05:33","slug":"wasser-als-kriegswaffe-serekaniye-und-die-staudammpolitik-der-tuerkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=643","title":{"rendered":"Wasser als Kriegswaffe \u2013 Ser\u00eakaniy\u00ea und die Staudammpolitik der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>17.01.2019<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Aktion der lebenden Schutzschilder verbringen wir drei Tage in Ser\u00eakaniy\u00ea.<br>Ser\u00eakaniy\u00ea, wie auch der arabische Name Ras al-Ayn, bedeutet so viel wie \u201eKopf der Quelle\u201c und deutet darauf hin, dass diese Stadt quasi auf Wasser gebaut wurde. Mehr als 100 Quellen gibt es in Ser\u00eakaniy\u00ea und seiner Umgebung. Der Reichtum an unter-\u00a0und oberirdischen Wasservorkommen haben der Stadt ihren Namen gegeben. Mittlerweile ist von diesem Wasser nicht mehr sehr viel \u00fcbrig. Viel mehr als die nat\u00fcrlichen Quellen, bestimmt heute die Staudammpolitik der T\u00fcrkei, wieviel des Wassers hier her flie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/30.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-400\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/30.jpg 700w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/30-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eIn Ser\u00eakaniy\u00ea sollte man immer schauen, wo man hintritt\u201c, sagt \u015e\u00eea, ein Freund von der Filmkommune vor Ort, der uns durch die Stadt begleitet. Viele H\u00e4user sind einsturzgef\u00e4hrdet, auch in den Stra\u00dfen zeichnen sich immer wieder tiefe Risse und L\u00f6cher ab. Manche Geb\u00e4ude sind bereits zur H\u00e4fte in 2-3 Meter tiefen Schutthaufen versunken. Es ist eine der sichtbarsten Auswirkungen der t\u00fcrkischen Staudammpolitik, der wir in den Stra\u00dfen von Ser\u00eakaniy\u00ea begegnen: Gro\u00dfe Teile der Stadt wurden wegen ihres Wasserreichtums einst auf Speicherkammern gebaut. Dass diese jetzt leer sind, bringt verheerende Ver\u00e4nderungen in der Statik von Geb\u00e4uden und Infrastruktur der Stadt. Alles, was auf diesen trockengelegten H\u00f6hlen steht, droht mittlerweile einzust\u00fcrzen. \u201eThis is Turkey\u201c, kommentiert \u015e\u00eea das. Als wir einige Zeit vor einem Haus stehen, dass bereits weit in einem dieser Gr\u00e4ben versunken ist, spricht uns eine \u00e4ltere Frau an. Sie habe lange mit ihrer Familie dort gelebt, erz\u00e4hlt sie. \u00dcber mehrere Tage bemerkte sie die Risse in der Wand, die immer gr\u00f6\u00dfer wurden und habe daraufhin die Stadtverwaltung aufgesucht. Die Familie wurde an einem anderen Ort untergebracht. Noch in der selben Nacht sei das Haus eingest\u00fcrzt. Nun leben sie ein St\u00fcck weiter in der Nachbarschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Staudammpolitik der T\u00fcrkei begleitet uns noch weiter bei unserer Reise. Am n\u00e4chsten Tag fahren wir zu einer landwirtschaftlichen Kooperative, auf dem R\u00fcckweg kommen wir an einer Quelle vorbei. Wir stehen vor einem 15 Meter tiefen Loch, von Wasser ist nichts zu sehen.<br>\u201eVon hier sind wir immer reingesprungen\u201c, sagt ein Freund, der mit uns gefahren ist und deutet auf einen Baum, der am Rand des riesigen Grabens zur Seite ragte, \u201eEs war bis dort oben hin voll mit Wasser\u201c. Wir k\u00f6nnen kaum bis zum Grund der Grube schauen. Auch dort findet sich kein Wasser, daf\u00fcr junge B\u00e4ume, weitere Pflanzen und viele Steinbrocken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/28.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-398\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/28.jpg 700w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/28-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe Richtung Innenstadt, wird von einem ausgetrockneten Flussbett begleitet, dass im mindesten die Breite der Stra\u00dfe selbst hat. Es sind die R\u00fcckst\u00e4nde des Khabur-Flusses, der sich vom Euphrat abzweigt und \u00fcber die syrisch-t\u00fcrkische Grenze bis nach Til Halaf flie\u00dft, das etwa 4 km s\u00fcd-westlich von Ser\u00eakaniy\u00ea liegt. Seit 2004 ist das Wasser auch hier massiv zur\u00fcckgegangen, bis der Fluss beinahe vollst\u00e4ndig ausgetrocknet ist. Mehr als 80% seines Laufes entspringt in der T\u00fcrkei, ein gro\u00dfer Teil davon unterirdisch. Die Schlie\u00dfung der Staud\u00e4mme dort verhindert nun, dass das Wasser die Stadt erreichen kann. Auch f\u00fcr die Strom- und Energiegewinnung der St\u00e4dte ist diese Politik essenziell. Ser\u00eakaniy\u00ea ist daf\u00fcr nur ein Beispiel, \u00e4hnlich ist es in Koban\u00ea. Bei der Stadtverwaltung dort erfahren wir, dass es f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung nur zu bestimmten Tageszeiten Strom und Wasser gibt. Diese Unterversorgung ist politisch geschaffen. Ohne ein Anstauen in der T\u00fcrkei, k\u00f6nne deutlich mehr Energie produziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kontrolle des Wasservorkommens ist eine entscheidende Waffe im Krieg gegen die Bev\u00f6lkerung Nordsyriens. Mit der Handhabe der Staud\u00e4mme erweitert sich die taktischen M\u00f6glichkeiten der T\u00fcrkei, nicht nur was die Wasser- und Stromversorgung angeht. Im Ort Til Naser, auch am Khabur gelegen, erz\u00e4hlt uns ein Bewohner von den K\u00e4mpfen gegen Daesh. Die Dschihadisten waren \u00fcber den trockengelegten Fluss in das Dorf gelagt. Als die Befreiung Til Nasers durch die YPG kurz bevor stand, flutete die T\u00fcrkei erneut das Flussbett und verhinderte so den Zugang zum Ort, zum deutlichen Vorteil Daeshs. Es ist eine bewehrte Praxis der Aufstandsbek\u00e4mpfung, die auch in S\u00fcd- und Nordkurdistan immer wieder eine wichtige Rolle spielt. Ein bekanntes Beispiel ist Hasankeyf, eine Stadt im S\u00fcdosten der T\u00fcrkei, dessen historische Fassaden durch den Ilisu-Staudamm unter Wasser gebracht werden sollen. Seit \u00fcber zehn Jahren regt sich dagegen der Widerstand.<br>Es wird deutlich, dass der Krieg gegen diese Region viele Facetten hat. Direkte milit\u00e4rische Angriffe fallen dabei schneller ins Auge, als zum Beispiel der Kontrolle des Wassers, das diesem Land geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.01.2019 F\u00fcr die Aktion der lebenden Schutzschilder verbringen wir drei Tage in Ser\u00eakaniy\u00ea.Ser\u00eakaniy\u00ea, wie auch der arabische Name Ras al-Ayn, bedeutet so viel wie \u201eKopf der Quelle\u201c und deutet darauf hin, dass diese Stadt quasi auf Wasser gebaut wurde. Mehr als 100 Quellen gibt es in Ser\u00eakaniy\u00ea und seiner Umgebung. 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