{"id":660,"date":"2022-08-23T16:34:40","date_gmt":"2022-08-23T14:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=660"},"modified":"2022-08-24T16:01:50","modified_gmt":"2022-08-24T14:01:50","slug":"sehid-helin-lives-forever","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=660","title":{"rendered":"\u015eehid Hel\u00een lives forever"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>\u201e&#8230; wenn es eine Sache gibt, die ich von Anna gelernt habe, dann dass es hier nicht nur um mich geht.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>03.03.2019<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u015eehid Hel\u00een Qerecox \u2013 Anna Campell \u2013 aus Bristol ist eine der Internationalist_innen, die letztes Jahr im Kampf gegen die t\u00fcrkische Besatzung von Afr\u00een gefallen ist. Viele, die wir hier getroffen haben, kannten sie und ihr Portr\u00e4t ist uns in allen m\u00f6glichen R\u00e4umen begegnet. \u00dcber den Eing\u00e4ngen der YPJ International Akademie und der internationalistischen Kommune h\u00e4ngen Banner von ihr. Ihr Tod hat viele Menschen hier und ihrer Heimatstadt getroffen und sie ist mit den anderen gefallenen Internationalist_innen zu einem Symbol der internationalen Beteiligung im Kampf f\u00fcr die Revolution in Rojava geworden.<br>Auf unserer Delegation haben wir Heval B\u00ear\u00eevan und Heval Gelhat getroffen, zwei Freund_innen von \u015eehid Hel\u00een, die sie kannten, bevor sie in die demokratische F\u00f6deration Nordostsyrien gegangen ist. Die beiden erz\u00e4hlen uns von ihrem Leben und dem Einfluss, den \u015eehid Hel\u00een auf die beiden gehabt habt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Heval B\u00ear\u00eevan, erz\u00e4hl uns doch erstmal deine pers\u00f6nliche Geschichte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Mein Name ist B\u00ear\u00eevan und ich komme aus Gro\u00dfbritannien. Ich bin seit ungef\u00e4hr 10 Jahren, also seit ich 20 bin, auf unterschiedliche Art und Weise politisch aktiv. Angefangen habe ich in der No Borders-Bewegung, in der ich auch immer noch in einer anderen Form aktiv bin. Ich habe verschiedene politische Aktionen gemacht, mich an Camps und widerst\u00e4ndigen Aktionen beteiligt und eine Menge davon gelernt. Doch vor einigen Jahren hat sich meine Perspektive darauf ver\u00e4ndert und ich bin wieder nach Schottland gegangen, wo ich urspr\u00fcnglich herkomme, um eine langfristigere Organisierung mit Blick auf die gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4nge und langfristige, kollektive Arbeiten zu entwickeln.<br>Ich war mir der Existenz der kurdischen Bewegung seit Jahren bewusst, aber bis vor sehr kurzer Zeit war ich sehr ignorant. Ignorant demgegen\u00fcber wie die kurdische Bewegung mit anderen K\u00e4mpfen verbunden ist, ignorant gegen\u00fcber der Ideologie der Bewegung. Nachdem meine Freundin Anna nach Rojava gegangen ist, habe ich viel mehr dar\u00fcber erfahren. Auch schon davor habe ich verstanden warum sie das tut, aber ihre Anwesenheit hier vor Ort hat mich inspiriert mehr dar\u00fcber zu lernen. Ab dann war ich auch in den Solidarit\u00e4tsarbeiten in Europa und auf Bildungen der kurdischen Bewegung und jetzt bin ich hier in Rojava.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und wie ist das passiert?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Gute Frage. Es besch\u00e4ftigt mich, dass einige Leute, die mich treffen, davon ausgehen, dass es Annas Tod war, der mich nach Rojava gebracht hat. Das stimmt nicht ganz. Allerdings hatte Annas Leben viel damit zu tun. Als sie noch hier war, waren wir in Kontakt und sie hat versucht mich zu \u00fcberreden nach Rojava zu kommen. Wenn wir telefoniert haben, klang sie wie eine Pfandfinderin im Camp: \u201eDu solltest hierher kommen, es ist gro\u00dfartig! Es gibt haufenweise liebe Hunde und alle sind ziemlich cool\u201c. Aber nicht nur deswegen. Ich hab viel gelesen und gelernt und weil sich meine Gef\u00fchle zur politischen Situation in Gro\u00dfbritannien ver\u00e4ndert haben, habe ich mich entschieden nach Rojava zu kommen. Ich hatte in Gro\u00dfbritannien und in meinem Kontext das Gef\u00fchl jahrelang unterschiedliche Richtungen ausprobiert zu haben und immer in Sackgassen zu laufen. Ich war mir nicht sicher, wo ich meine Energie rein stecken sollte. Denn ich hatte Energie und eine menge Wut, die ich in politische Organisierung investieren wollte. Es fiel mir aber schwer meine Rolle zu finden und ich f\u00fchlte mich wie gel\u00e4hmt. Ich dachte und ich hoffe immer noch, dass an einen Ort mit einer solchen Bewegung zu kommen zumindest inspirierend, Kraft spendend und lehrreich sein kann. Dementsprechend will ich die kurdische Bewegung unterst\u00fctzen so viel ich kann, aber ich will auch von meiner Zeit hier lernen. Ich will lernen, wie man auch in unserem Kontext Revolution machen kann, weil diese hier global sein muss, um zu gelingen.<br>Nach meinem urspr\u00fcnglichen Plan wollte ich im November 2017 herkommen und der YPJ beitreten. Ich hab mir einen Flug gebucht. Vielleicht erinnert ihr euch daran, was im November 2017 in Ba\u015fur\/S\u00fcdkurdistan los war. Die Flugh\u00e4fen waren geschlossen. Ich konnte also nicht kommen. Politisch gesehen finde ich es jetzt gut, weil ich jetzt das Gef\u00fchl habe um einiges besser vorbereitet und gebildet zu sein. Au\u00dferdem f\u00fchle ich mich viel mehr als Teil des Kollektivs, hier und auch in Gro\u00dfbritannien. Und als Delegierte einer Gruppe, was um einiges besser ist und auch mehr im Geiste der Revolution. Ich bin auch froh, dass ich jetzt in einer sozialen statt in einer milit\u00e4rischen Position hier bin. Demnach denke ich, dass diese einj\u00e4hrige Versp\u00e4tung politisch sehr gut war. Aber es bricht mir das Herz, dass ich Anna nie wieder gesehen habe, weil sie in der Zeit zwischen der Schlie\u00dfung und der erneuten \u00d6ffnung der Flugh\u00e4fen gefallen ist. Ich h\u00e4tte sie gern nocheinmal gesehen. Als sich die Flugh\u00e4fen wieder \u00f6ffneten, war es einen Monat her, dass Anna gefallen war. Es war einiges los in meinem Lebensumfeld. Es gab viele Leute, mit denen wir gemeinsame Beziehungen hatten, es gab Ver\u00e4nderungen und ich hatte eine besondere Rolle inne. Ich hab also etwas Zeit gebraucht um zu planen und meine Entscheidung nochmal zu bedenken, neu zu f\u00e4llen und nichts zu \u00fcberst\u00fcrzen. Auch um mit meiner Familie, meiner selbst gew\u00e4hlten Familie, meinen Freunden und engen Freundeskreis \u00fcber die Entscheidung zu diskutieren. Denn oft wenn Menschen Entscheidungen wie diese f\u00e4llen sagen sie \u201eEs ist mein Leben und meine Entscheidung\u201c. Ich denke da ist etwas dran, andere Menschen sollten uns nicht diese Entscheidung verbieten, aber wenn es eine Sache gibt, die ich von Anna gelernt habe, dann dass es hier nicht nur um mich geht. Ich m\u00f6chte mich um meine Community k\u00fcmmern genauso wie die Kurd_innen das tun. Ich hatte also einige Gespr\u00e4che zu f\u00fchren bevor ich gefahren bin. Aber jetzt f\u00fchle ich mich in meinem Aufenthalt hier sehr unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kannst du uns ein paar S\u00e4tze zu deinem Familienhintergrund sagen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Meine Eltern sind politisch, aber nicht aktiv. Sie haben ihre Kinder nicht zur Schule geschickt, ich bin also nie zur Schule gegangen und wurde zu Hause unterrichtet. Meine Eltern haben ihre Berufe als Lehrer_innen gek\u00fcndigt, deswegen waren wir auch nicht sonderlich wohlhabend. Mein Vater ist nicht froh, dass ich hier bin. Er hat sehr viel Angst. Aber ehrlich gesagt ist er derjenige, der mir vom Marxismus erz\u00e4hlt hat als ich 12 Jahre alt war. Also ist er wohl selbst schuld. Ich habe eine sehr enge Beziehung mit meiner Mutter und meiner Schwester und auch mit meinem Bruder wenn auch auf eine etwas andere Weise. Sie alle haben mich auf ihre eigene Art unterst\u00fctzt hierher zu kommen. Ich sp\u00fcre eine Verbindung zu meiner Familie, was, wie ich wei\u00df, ein Gl\u00fccksfall ist, denn einige Leute haben gro\u00dfe Probleme mit ihrer Familie in diesem Kontext.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Willst du weitermachen Heval Gelhat?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Mein Name ist Gelhat und ich komme aus England. Auch ich habe, wie B\u00ear\u00eevan, vor ungef\u00e4hr 10 Jahren begonnen politisch aktiv zu werden. Das war im Jahr 2009. Die erste politische Arbeit, die ich gemacht habe, waren Solidarit\u00e4tsarbeiten f\u00fcr Menschenrechte in Pal\u00e4stina. Von da aus entwickelte es sich dann in Richtung Anarchismus und Gewerkschaftsbewegung. Also wurde ich Mitglied der IWW, die Wobblies genannt werden. Durch die anarchistischen Bewegung hatte ich auch mit der antifaschistischen Bewegung und \u2013 noch wichtiger \u2013 der Anti-Knast Bewegung zu tun und war im \u201eAnarchist Black Cross\u201c. \u00dcber die Jahre habe ich meinen gewerkschaftlichen Aktivismus mit meinen Anti-Knast Arbeiten verbunden und habe mit anderen Menschen das \u201eIncarcerated Workers Organising Comittee\u201c (Organisationskomitee inhaftierter Arbeiter) in England gegr\u00fcndet. Das ist eine Gewerkschaftsbewegung innerhalb des Knastsystems.<br>Ich habe von der kurdischen Bewegung erfahren als Vertreter_innen der PKK bei einer anarchistischen Konferenz in der Schweiz 2012 teilgenommen haben. Sie haben dort \u00fcber die Einfl\u00fcsse Murray Bookchins und anderer anarchistischer Theoretiker_innen auf die Bewegung gesprochen und wie das in ihren eigenen Strukturen umgesetzt wird.<br>Zur Zeit des Widerstands gegen den sogenannten Islamischen Staat habe ich mich dann entschieden mich in der in der kurdischen Bewegung zu engagieren. Das war 2014 und 2015 zur Zeit der Belagerung von Koban\u00ea und der Sinjar Berge. Da fing ich an zu Demonstrationen und Vortr\u00e4gen der kurdischen Bewegung zu gehen und mehr dar\u00fcber zu lernen wof\u00fcr die Bewegung k\u00e4mpft. Anna und ich haben \u00fcber die Jahre \u2013 wir lebten damals im selben Haus \u2013 viel dar\u00fcber geredet nach Rojava zu gehen und zur Bewegung beizutragen. In dieser Zeit haben wir uns auch mit anderen Leuten aus Bristol getroffen und uns entschieden, dass mehr zur Unterst\u00fctzung der Revolution in Rojava passieren sollte. Wir haben dann eine Solidarit\u00e4tsgruppe gegr\u00fcndet und uns mit der breiteren kurdischen Bewegung in England vernetzt. Anna und ein anderer Freund haben sich zu dem Zeitpunkt entschieden sich der YPJ und YPG anzuschlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich wollte ich auch gehen, aber weil Anna und ich in den selben Gruppen waren, h\u00e4tten die sich aufgel\u00f6st, wenn wir beide gleichzeitig gegangen w\u00e4ren. Unsere Abmachung war also, dass Anna geht und ich gehe, wenn sie wieder zur\u00fcck kommt. Ich hatte also immer vor nach Rojava zu gehen. Eigentlich wollte ich in die milit\u00e4rischen Einheiten gehen, aber nachdem Anna gefallen ist und nach Gespr\u00e4chen mit kurdischen Genossen habe ich mich f\u00fcr einen anderen Einsatz in den zivilen Strukturen entschieden. Jetzt bin ich also auch hier in Rojava und hoffe so viel wie m\u00f6glich \u00fcber die Bewegung zu lernen und zu verstehen wie wir die Idee der Revolution in meinem eigenen Land und auch in Europa verbreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wann bist du hier her gekommen? Und wie sieht es mit deinem Familienhintergrund aus?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Angekommen bin ich hier an Heiligabend. Es war wie ein Weihnachtsgeschenk f\u00fcr mich. Ich bin zehn Minuten nach meiner Ankunft in die Kirche zur Mitternachtsmesse gegangen und es hat sich sehr gut angef\u00fchlt hier zu sein. Es war ein echtes Weihnachtswunder endlich hier zu sein. Jetzt bin ich ungef\u00e4hr drei Wochen hier und bisher war es sehr aufregend. Ich wei\u00df, dass es wichtig ist Dinge langsam anzugehen, aber auf der anderen Seite bin ich, wie gesagt, sehr aufgeregt und m\u00f6chte vieles sehen und Leute treffen und kennenlernen.<br>Und zu meiner Familie: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Eltern waren kurze Zeit in der \u00d6kologiebewegung aktiv. Au\u00dferdem war mein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits ein Linker und eine Zeit lang Mitglied der kommunistischen Partei. Meine Familie v\u00e4terlicherseits kommt aus einer irischen, links-katholischen Tradition und wir haben auch Wurzeln, die nach Irland zur\u00fcckf\u00fchren. Meine Familie war auch in die irisch-republikanische Bewegung aktiv. Meine Gro\u00dfeltern m\u00fctterlicherseits kommen aus Schottland. Sie sind nicht besonders links, aber mein Gro\u00dfvater war in Dunkirk, als es von den Nazis umzingelt war. Es gab also immer den Wunsch f\u00fcr das richtige Ziel zu k\u00e4mpfen und gegen den Faschismus Widerstand zu leisten. In Bezug auf meine Reise sind meine Eltern nat\u00fcrlich sehr besorgt. Sie haben auch Zweifel ge\u00e4u\u00dfert, aber nachdem ich mit ihnen dar\u00fcber gesprochen habe und seit ich nun hier bin und Kontakt mit ihnen habe, sind sie erleichtert und finden es gut, dass ich hier bin. Sie haben sich dazu entschieden mich zu unterst\u00fctzen, obwohl sie eigentlich nicht wollten, dass ich hier bin.<\/p>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6nnt ihr uns etwas \u00fcber eure ersten Eindr\u00fccke in Rojava sagen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Also die ersten paar Tage hat es sich echt surreal angef\u00fchlt an einen Ort zu kommen, von dem man geh\u00f6rt und gelesen hat, von dem man Interviews, Vortr\u00e4ge und Filme gesehen hat. Dann ist man noch dabei die Sprache zu lernen, versteht nicht wirklich etwas und alles muss \u00fcbersetzt werden. Es fehlt also eine gewisse Ebene und auch das f\u00fchlt sich unwirklich an. Der erste Eindruck ist also dominiert von einem Gef\u00fchl wie \u201eBin ich wirklich hier? Was ist das f\u00fcr ein Ort?\u201c. Und jetzt wo ich l\u00e4nger als einen Monat hier bin, ist es so, wie ich es erwartet habe und wie ich davon geh\u00f6rt habe. Man denkt nicht so etwas wie \u201eOh, das ist aber nicht so, wie alle es mir gesagt haben\u201c.<br>Einen Eindruck, den ich habe ist, dass sich die gesamte Bev\u00f6lkerung hier an der Politik beteiligt und es ist sehr spannend mit den Menschen zu sprechen. Selbst wenn die Leute nicht unbedingt mit den Ideen der Bewegung \u00fcbereinstimmen oder Teil von ihr sind, haben sie trotzdem gefestigte Meinungen, beteiligen sich und haben ein Verst\u00e4ndnis von politischen Zusammenh\u00e4ngen, von denen Menschen in Gro\u00dfbritannien nichts wissen und sich nicht damit auseinandersetzen. Das ist nat\u00fcrlich etwas, woran wir arbeiten m\u00fcssen.<br>Als ich begonnen habe die Komplexit\u00e4t der Verh\u00e4ltnisse hier zu verstehen, ist mir bewusst geworden, dass das Leben hier unter schwierigen Bedingungen abl\u00e4uft. Es gibt so viele Widerspr\u00fcche und Schwierigkeiten. Aber ich fange gerade erst an die Spitze des Eisbergs zu verstehen. Das ist sehr gut und n\u00fctzlich. Je mehr ich lerne, desto mehr merke ich, was ich alles noch nicht wei\u00df. Jede beantwortete Frage ruft f\u00fcnf neue hervor, was sich nat\u00fcrlich \u00fcber das Leben allgemein sagen l\u00e4sst, aber auch speziell zu Rojava.<\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Also f\u00fcr mich ist das hier eine sehr neue Erfahrung, weil ich tats\u00e4chlich das erste Mal Europa verlassen habe. Au\u00dferdem wird es die l\u00e4ngste Zeit sein, die ich nicht in England bin. Die l\u00e4ngste Zeit, die ich jemals weg war, waren vielleicht drei Wochen im Baskenland.<br>Die gr\u00f6\u00dfte Aufgabe f\u00fcr mich ist momentan zu versuchen die Sprachbarriere zu \u00fcberwinden und Kurmanci so gut wie m\u00f6glich zu lernen, was sehr wichtig ist. Au\u00dferdem geht es auch um die Bildung. F\u00fcr den Moment liegt mein Fokus darauf so viel wie m\u00f6glich zu lernen und mich so gut es geht auf diese Erfahrung einzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>W\u00fcrdet Ihr vielleicht etwas \u00fcber Anna sagen wollen? Woher kanntet ihr sie, wie war eure gemeinsame Geschichte und was habt ihr \u00fcber Anna hier in Rojava geh\u00f6rt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Also ich habe Anna im Jahr 2011 in Calais in Frankreich kennengelernt. Wir waren beide da mit \u201eCalais Migrant Solidarity\u201c, einer anarchistischen Gruppe, die versuchte solidarisch mit den Menschen ohne Papiere zu sein. Zu dieser Zeit war das f\u00fcr uns beide Fokus unserer politischen Arbeit und in dieser Art von Kontext baut man sehr schnell Beziehungen zueinander auf, da \u2013 ich denke ihr habt das alle erlebt &#8211; es eine besonders intensive Art zu leben ist. Politisch und sozial sind wir also recht schnell ziemlich eng miteinander geworden.<br>Sp\u00e4ter in diesem Jahr waren wir beide Teil einer Gruppe, die eine Widerstandsaktion an einem Wohnwagenplatz in Gro\u00dfbritannien, der Dale Farm, durchgef\u00fchrt haben. Es gab dort eine gro\u00dfe R\u00e4umung und einen Aufruf von Solidarit\u00e4tsgruppen zum Widerstand. Wir waren bis dahin nicht auf dem Wagenplatz aktiv gewesen, folgten aber dem Aufruf und waren dann insgesamt zwei Monate da und bauten Verteidigungsstrukturen. Der Tag der R\u00e4umung war eine ziemliche Konfrontation. Ich denke, aufgrund unseres Alter, der Art der politischen Arbeit die wir machten und der Form der Aktionen war es eine ziemlich pr\u00e4gende Zeit. Anna und ich lebten nicht in der selben Stadt wie Gelhat und sie unsere Beziehungen aus dieser Zeit blieben immer sehr stark. Wir blieben auch in Kontakt miteinander, darin war sie immer sehr gut. Wir schrieben uns Briefe und besuchten uns in Schottland und Bristol. Im Jahr nach der R\u00e4umung von \u201eDale Farm\u201c waren wir alle sehr viel miteinander unterwegs, besetzten H\u00e4user in London oder Bristol. Diese Gruppe blieb gut vernetzt und ich kann gar nicht z\u00e4hlen auf wie vielen Demos und Aktionen wir zusammen waren und in wie viele Geb\u00e4ude wir zusammen einbrachen.<br>Der kurdischen Bewegung war ich mir seit Jahren bewusst, doch immer eher ignorant gegen\u00fcber. Nachdem Anna nach Rojava ging, habe ich viel dar\u00fcber gelernt. Ich habe dann verstanden, warum sie das tut, aber ihre Pr\u00e4senz hier vor Ort inspirierte mich dazu noch viel mehr \u00fcber die Bewegung zu lernen. Ab dann war ich auch in Solidarit\u00e4tsarbeiten in Europa involviert und besuchte Bildungen der kurdischen Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich davon h\u00f6rte, dass Anna nach Rojava gegangen war, waren wir zuletzt nicht so viel miteinander in Kontakt gewesen und sie hatte es mir nicht gesagt. Sie hatte es einer gro\u00dfen Menge an Leuten vorher nicht gesagt, die es wohl gerne gewusst h\u00e4tten. Das veranlasste mich auch viel dar\u00fcber nachzudenken, als ich entschied zu gehen. Ich habe gesehen, wieviele Leute es getroffen hat, dass sie es nicht wussten und umso mehr nachdem sie gefallen war. Das hat die Art und Weise wie ich mit meiner Reise im Vorhinein umgegangen bin und mit wem ich vorher Gespr\u00e4che f\u00fchrte wirklich stark beeinflusst. Im Ausgleich zwischen Sicherheitskultur und den emotionalen Bed\u00fcrfnissen meiner Umgebung habe ich die Sicherheitskultur quasi zum Fenster raus geschmissen und mich entschieden, dass die emotionalen Bed\u00fcrfnisse wichtiger sind. Anna hatte mir vorher eine Nachricht geschrieben mit \u201eIch fahre weg, ich m\u00f6chte nicht \u00fcber SMS dar\u00fcber sprechen\u201c. Ich dachte mir \u201eOk, da kann ich mir ein paar verschiedene Optionen vorstellen\u201c, aber an das hier habe ich nicht gedacht. Als ich dann h\u00f6rte wohin sie gegangen war, fingen wir an E-Mails zu schreiben und zu telefonieren und tats\u00e4chlich waren wir mehr im Kontakt als sie hier war als im Jahr davor. Wenn etwas so Gro\u00dfes passiert f\u00fchrt das auch zu mehr Austausch. Sie versuchte immer mich zu \u00fcberzeugen hier her zu kommen. Sie erz\u00e4hlte mir wie gut die politischen Arbeiten waren, wie viel sie lernte und was sie mir alles erz\u00e4hlen m\u00fcsse, wenn ich k\u00e4me. Es gab viele Momente in denen sie sagte \u201eIch erz\u00e4hle es dir wenn du her kommst, das wird gro\u00dfartig.\u201c. Ich bin sehr gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass es diesen Kontakt gab w\u00e4hrend sie hier war, denn f\u00fcr einige Leute war es schwerer diesen Kontakt mit ihr zu halten.<br>Nat\u00fcrlich bricht es mir das Herz, dass ich Anna nie wieder gesehen habe. Ich h\u00e4tte sie gern nochmal gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Also das erste Mal, dass ich Anna traf war im Jahr 2013. Wir hatten uns durch eine gemeinsame Freundin kennengelernt. Richtig gut aber erst als sie nach Bristol gezogen ist. Ich denke, die Nacht in der wir eine richtige Bindung miteinander eingingen, war als ich ein Geschenk f\u00fcr eine Freundin machen wollte und sie mir half Stencils von revolution\u00e4ren Frauenpers\u00f6nlichkeiten zu machen. Dazu geh\u00f6rten Emma Goldman, Lucy Parsons und auch Kanno Sugako, eine japanische Anarcha-Feministin. Es war sch\u00f6n mehr \u00fcber die revolution\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeiten zu lernen, die ich bereits kannte, aber auch neue kennenzulernen, von denen ich noch nie geh\u00f6rt hatte. Wir hatten sehr gute Gespr\u00e4che dar\u00fcber und von da an wurden wir sehr enge Freunde. Wir f\u00fcr eine Zeit zusammen im selben Haus, was sehr sch\u00f6n war. Sie war fast wie eine gro\u00dfe Schwester f\u00fcr mich.<br>Wir entschieden uns auch gemeinsam an denselben politischen Arbeiten zu beteiligen.<br>Dass ich mich in der kurdischen Bewegung engagieren wollte war zur Zeit des Widerstands gegen den sog. Islamischen Staat. Also im Jahr 2014 und 2015 als die Belagerung von Kobane und der Sinjar Berge stattfand. Da fing ich an zu Demonstrationen und Vortr\u00e4gen der kurdischen Bewegung zu gehen und mehr dar\u00fcber zu lernen wof\u00fcr die Bewegung k\u00e4mpft. \u00dcber die Jahre sprachen Anna und ich eine Menge dar\u00fcber nach Rojava gehen zu wollen und unseren Teil zur Bewegung beizutragen. Etwa zu dieser Zeit trafen wir uns auch mit anderen Menschen aus Bristol und entschieden, dass in Bristol mehr zur Unterst\u00fctzung der Revolution in Rojava passieren sollte. Wir gr\u00fcmdeten dort eine Solidarit\u00e4tsgruppe und fingen an, uns mit der breiteren kurdischen Bewegung in England zu vernetzen.<br>Zu dieser Zeit hatte Anna mit einem weiteren Freund Charlie die Entscheidung gef\u00e4llt nach Rojava zu gehen und sich der YPJ anzuschlie\u00dfen. Charlie ging zur YPG ging. Nat\u00fcrlich wollte ich auch gehen, aber da Anna und ich in denselben Gruppen waren, w\u00e4ren diese zerfallen, wenn wir sie beide zur selben Zeit verlassen h\u00e4tten. Also war unsere Abmachung, dass Anna gehen und ich mit meiner Abreise auf ihre R\u00fcckkehr warten w\u00fcrde. Es war also immer meine Intention nach Rojava zu gehen.<br>Es war wirklich wunderbar \u00fcber die Jahre so viel Zeit mit Anna verbracht zu haben. Es f\u00fchlt sich ein wenig seltsam an, denn ich habe mit einigen Leute gesprochen, die in den Gespr\u00e4chen mit ihr sehr besorgt um sie waren und sich fragten, ob es die richtige Entscheidung sei und nat\u00fcrlich war ich auch besorgt um ihre Sicherheit aber haupts\u00e4chlich war ich sehr gl\u00fccklich f\u00fcr sie, ich war sehr aufgeregt. Ich sagte: \u201eIch bin wirklich stolz auf dich, das Einzige was ich bedauere ist, dass ich nicht mit dir kommen kann.\u201c. Und ich w\u00fcnschte ihr alles Gute, weil ich wusste, dass es das war, was sie tun w\u00fcrde. Sie davon abzuhalten w\u00e4re eine L\u00fcge gewesen. Denn es war etwas was auch ich wollte und ich wollte sie darin unterst\u00fctzen.<br>Als sie dann hier in Rojava war unterhielten wir uns von Zeit zu Zeit am Telefon und sie schickte auch Fotos, zum Beispiel Fotos von Welpen, die sie auf ihren Reisen gefunden hatte. Und sie erz\u00e4hlte uns auch von Dingen, die sie lernte oder sie erz\u00e4hlte uns von den neuen Fahrzeugen, die sie bekamen. Diese Gespr\u00e4che bedeuteten mir viel und ich bin sicher sie bedeuteten ihr auch einiges. Ebenso wie bei der Freundin B\u00ear\u00eevan versuchte sie mich zu \u00fcberzeugen \u201eDu solltest herkommen, du solltest herkommen\u201c, und auch ich meinte \u201eEs gibt hier Dinge zu tun, wenn du zur\u00fcck kommst kann ich gehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/7-979x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-377\" width=\"546\" height=\"570\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/7-979x1024.jpeg 979w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/7-287x300.jpeg 287w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/7-768x803.jpeg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/7.jpeg 1138w\" sizes=\"(max-width: 546px) 100vw, 546px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6nnt ihr uns etwas dar\u00fcber erz\u00e4hlen, was Anna hier gemacht hat? Wie hat sie sich gef\u00fchlt als sie hier ankam, wie hat sie hier gelebt, wie war ihre Arbeit hier?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Sie kam hier mit dem Plan den YPJ beizutreten also in den milit\u00e4rischen Bereich zu gehen. Manchmal erwies sich das als schwierig und sie musste darauf dr\u00e4ngen, aber sie hatte immer diesen Fokus. Sie half dabei die internationale YPJ-Akademie aufzubauen und spielte darin eine gro\u00dfe Rolle. Ich konnte den Ort besuchen und ich denke man kann sie selbst und wie viel sie hinein gesteckt darin wirklich sp\u00fcren. Es h\u00e4ngt ein riesiges Foto von ihr an der Wand, das wahrscheinlich dazu beitr\u00e4gt, aber ich denke auch auf einer emotionalen Ebene, kann man sie dort sp\u00fcren. Sie hat einmal mit mir \u00fcber den Ort gesprochen und meinte, dass dieser Ort die Art von Bildung ist, die sie sich ertr\u00e4umt hat, bevor sie hier her kam.<br>Es gab vorher keine einfache Struktur f\u00fcr internationalistische Frauen, die k\u00e4mpfen wollten und sie musste diesen Ort erst selber bauen.<br>Es dauerte eine Weile bis sie in die YPJ-Ausbildung kam und sie schloss diese ab bevor die internationale YPJ-Akademie fertiggestellt war. Ich denke die Erfahrung dieser Bildung war sehr pr\u00e4gend und hatte viel Einfluss auf sie. Sie hatte einen starken Fokus, sie sagte, dass sie k\u00e4mpfen wollte und konnte. Sie war nicht mit den F\u00e4higkeiten, wie denen einer \u00c4rztin, hierher gekommen und dachte, dass k\u00e4mpfen eben das war, was sie beitragen konnte. Mein Eindruck von ihr war immer, dass sie sehr wenig Angst hatte. Ich sage das nicht einmal im Sinne von mutig, sie hatte einfach keine Angst. Ich wei\u00df nicht ob das eine gute oder schlechte Eigenschaft ist, aber es war definitiv eine von Annas Eigenschaften, wenn es zu einer Konfrontation kam. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass sie immer an dieser \u00dcberzeugung festhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Freundin von uns meinte, und ich denke da hat sie v\u00f6llig Recht, dass sie Anna nie so gl\u00fccklich erlebt hat wie sie hier war. Als wir Kontakt mit ihr hier aufnahmen war sie so gl\u00fccklich wie nie und es hat f\u00fcr sie eine Menge Sinn ergeben hier zu sein. Die Klarheit und \u2013 man k\u00f6nnte fast sagen \u2013 Einfachheit mit der sie Themen Politik und Revolution anging passten sehr gut zu den Arbeiten hier. Sie sagte mal zu mir, dass sie hierher gekommen ist um der kurdischen Bewegung zu helfen und den Kampf zu unterst\u00fctzen. Dann aber h\u00e4tte sie realisiert, dass es wichtiger w\u00e4re zu lernen und so bekam Bildung bei ihr einen hohen Stellenwert.<br>Ich glaube, sie w\u00e4re hier f\u00fcr eine lange Zeit geblieben. Es kamen immer viele Geschichten von ihr wann sie angeblich zur\u00fcckkommen w\u00fcrde, aber mich hat davon keine \u00fcberzeugt. Ihre R\u00fcckfahrt verschob sich immer wieder: \u201eZu der Zeit komme ich zur\u00fcck\u201c und dann \u201eNoch ein paar Monate\u201c; \u201eOkay ich komme zur Buchmesse zur\u00fcck\u201c, \u201eOkay f\u00fcr den Geburtstag meine Bruders\u201c, aber es gab immer noch eine weitere Arbeit zu erledigen. Also ich denke nicht, dass sie irgendwann in n\u00e4chster Zeit wiedergekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Naja und du hast vorher auch dar\u00fcber gesprochen, dass Anna sehr frei von Angst war. Ich denke, das war mir auch bewusst, sogar bevor sie nach Rojava ging.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Du meinst, dass sie so auch in England schon war?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Ja, ich war mit ihr unterwegs als wir die Konfrontation mit Faschisten in Dover suchten und da sie wurde ziemlich schwer verletzt. Das hat mir gezeigt wie furchtlos sie war. Sie begab sich in den Bereich, wo die Faschisten waren um einen anderen Genossen zu sch\u00fctzen verletzt zu werden. Klar wurde sie dabei selbst verletzt, aber ich denke es zeigt wirklich wie furchtlos sie war. Sie ging direkt da rein und tat was sie tun musste.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und was habt ihr \u00fcber ihren Tod geh\u00f6rt? Wie hat sie ihr Leben verloren?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Es gab eine Version mit den Details der Umst\u00e4nde, die sich dann ver\u00e4ndert haben, sodass wir jetzt mit unserem Wissen so nah wie eben m\u00f6glich an der Realit\u00e4t dran sind. Nat\u00fcrlich handelt es sich hier um einen Krieg und die Verh\u00e4ltnisse sind verwirrend. Erst hie\u00df es sie seien in einem Konvoi gewesen, dann doch etwas anderes. Aber jetzt wissen wir, dass sie in einer Verteidigungsposition in Afrin mit drei weiteren K\u00e4mpferinnen war. Es gab einen Dronenangriff. Dann verging etwas Zeit, sodass sich die Leute wieder drau\u00dfen aufhielten &#8211; aus welchem Grund auch immer &#8211; da gibt es unterschiedliche Versionen. Und dann gab es einen weiteren Luftschlag bei dem drei Menschen ihr Leben verloren und ein Mensch verletzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/6.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-376\" width=\"832\" height=\"418\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/6.jpeg 316w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/6-300x151.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 832px) 100vw, 832px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Wie waren denn im Allgemeinen die Reaktionen der Leute um euch herum als sie h\u00f6rten, dass Anna ihr Leben verloren hat?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Ich denke es gab viele verschiedene Ann\u00e4herungen an Annas Tod. Es gibt ihre engen Freund_innen, von denen ich viele kenne. Es gibt auch die Freund_innen von fr\u00fcher, Freunde aus Bristol und ihre Familie. Dann gibt es die Menschen, die nicht wussten, dass sie dort war bis sie h\u00f6rten, dass sie gefallen war. Es gibt Leute, die sie von fr\u00fcher kannte, die es erst \u00fcber die Nachrichten erfuhren. Mit diesen Menschen hatte sie seit Jahren keinen Kontakt, aber es gab trotzdem noch eine Verbindung und dass sie es \u00fcber die Nachrichten erfuhren, halte ich f\u00fcr sehr schwierig. Es gab eine wunderbare Breite an Antworten aus diesen Gruppen und ein kollektives Gef\u00fchl eine politische Existenz und ein politisches Wesen verloren zu haben. Ich denke, es war wirklich beeindruckend, was alles geschrieben und geteilt wurde.<br>Es war ein gro\u00dfes Thema in den Medien. Zwar nur f\u00fcr eine kurze Zeit, aber daf\u00fcr sehr gro\u00df. Was das angeht f\u00fchle ich mich hin- und hergerissen. Es war gut, dass das Thema eine h\u00f6here Relevanz bekam. Allerdings denke ich, dass dieses Thema nicht aus guten Gr\u00fcnden in den Medien so viel Platz erhielt. Vielmehr geschah es aus patriarchalen, imperialistischen Gr\u00fcnden. \u201eSchau dir ihr Gesicht an, das macht deine Zeitung zum Verkaufshit\u201c. Das ist wirklich ekelhaft.<br>Wichtig war aber, dass die Menschen zusammengekommen sind. Es war uns wichtig, sich zu treffen. Menschen kamen daf\u00fcr aus Schweden, aus Frankreich, aus allen Teilen von Gro\u00dfbritannien und wir haben uns wirklich darauf fokussiert gut miteinander umzugehen. Ich glaube, dass diese Phase der Trauer eine intensive Form hatte, die auch wieder verfliegen wird und Menschen werden wieder ihre eigenen Wege gehen. Trotzdem hat sehr viel Kraftvolles in dieser Zeit stattgefunden. Das habe ich wirklich gesp\u00fcrt. Willst du weitermachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Ja. Gl\u00fccklicherweise habe ich von einer\/einem sehr engen Freund\/in erfahren was mit Sehid Helin passiert ist. Die Nachricht \u00fcber ihren Tod hatte sich sehr schnell durch die sozialen Medien verbreitet und viele Menschen mussten es leider auf diesem Weg erfahren. Es ist wirklich niederschmetternd \u00fcber Medien zu erfahren, dass jemand, den du kennst, f\u00fcr den du etwas empfunden hast, get\u00f6tet wurde.<br>Als ich davon erfuhr, dass Anna gefallen war, war f\u00fcr mich klar, dass es f\u00fcr mich jetzt nur Kurdistan geben konnte. Ich war von da an sehr fokussiert auf diese Reise. Wenn jemand sein Leben f\u00fcr einen Zweck wie diesen gibt muss daran etwas sehr richtig sein. Niemand geht ein so gro\u00dfes Risiko ein, wenn es das nicht wirklich wert ist. Und ich wollte wissen, was es so wertvoll macht, dass Anna daf\u00fcr bereit war ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Ich wollte ein Teil davon sein, so viel dar\u00fcber lernen wie m\u00f6glich und den Geist dessen, wof\u00fcr sie k\u00e4mpfte am Leben halten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wollt ihr noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Heval B\u00ear\u00eevan:<br>Ja ich wollte, zu dem was du Gelhat gerade sagtest, noch etwas hinzuf\u00fcgen. Menschen haben auf viele verschiedene Arten reagiert, aber etwas, das f\u00fcr mich sehr wichtig war, ist etwas was ich vor Kurzem in mein Tagebuch geschrieben habe. Manche Menschen w\u00fcrden \u00fcber mich sagen, dass ich nie abschalten kann und immer an die wichtigen Dinge denken muss. Doch ich denke f\u00fcr mich ist es ab jetzt nicht mehr m\u00f6glich diese Momente zu erleben in denen man resigniert und denkt \u201eWas soll ich schon machen, ich gebe auf\u201c, diese Art von politischer Frustration. Das ist einfach nicht mehr m\u00f6glich seitdem jemand der mir nahe stand gestorben ist. Damit will ich nicht sagen, dass es alle anderen auch auf diese Art und Weise beeinflusst hat und ich meine damit auch nicht nur Kurdistan oder hier zu sein. Aber im Kampf f\u00fcr Ver\u00e4nderung insgesamt sp\u00fcre ich diesen Antrieb, der jetzt kraftvoller und konstanter ist als vorher. Und ich wei\u00df, dass soweit in meinem Leben gekommen zu sein ohne eine enge Freund_in an den Kampf verloren zu haben ein Zeichen davon ist, wo ich herkomme.. F\u00fcr so viele Menschen hier ist es normal, Menschen an den Kampf verloren zu haben. Ich wusste das nat\u00fcrlich, aber trotzdem war es f\u00fcr mich eine Ver\u00e4nderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Heval Gelhat:<br>Ich denke au\u00dferdem, dass es wirklich gut war, dass die kurdischen Genoss_innen hier und in England so viel ihrer Zeit darin investiert haben denen zu helfen, die ihre Liebsten verloren haben. Daf\u00fcr kann ich ihnen gar nicht genug danken. Das war wirklich wundersch\u00f6n. Das gibt mir eine Menge Hoffnung und ich f\u00fchle mich hier sehr Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/5-1024x576.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-375\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/5-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/5-300x169.jpeg 300w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/5-768x432.jpeg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/5.jpeg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e&#8230; wenn es eine Sache gibt, die ich von Anna gelernt habe, dann dass es hier nicht nur um mich geht.\u201c 03.03.2019 \u015eehid Hel\u00een Qerecox \u2013 Anna Campell \u2013 aus Bristol ist eine der Internationalist_innen, die letztes Jahr im Kampf gegen die t\u00fcrkische Besatzung von Afr\u00een gefallen ist. 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