{"id":664,"date":"2022-08-23T16:38:58","date_gmt":"2022-08-23T14:38:58","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=664"},"modified":"2022-08-24T16:01:00","modified_gmt":"2022-08-24T14:01:00","slug":"es-ist-vorbei-bei-bei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=664","title":{"rendered":"Es ist vorbei, bei, bei&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8230;aber der Kampf geht weiter!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">13.03.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit ein paar Wochen haben wir die Reise in die Demokratische Konf\u00f6deration Nord- und Ostsyrien beendet. Somit kommt jetzt der letzte Blogbeitrag unserer Delegation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Blog konnten wir nur einen kleinen Teil der vielen Facetten und Perspektiven dieser Revolution zeigen. Wir haben dennoch gesehen warum diese Revolution eine Revolution der Frauen ist, denn die autonome Frauenorganisierung ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Alternative, die hier geschaffen wird. Wir hatten die M\u00f6glichkeit in eine feministische Zukunft zu blicken und anders dar\u00fcber nachzudenken, was diese Revolution auch f\u00fcr uns bedeuten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Abschluss haben wir uns f\u00fcr ein Interview mit der Internationalistin Mika aus Katalonien entschieden. Unserer Meinung nach gibt es einen guten Einblick in das was die Revolution f\u00fcr uns in Europa bedeutet und welche Perspektiven sich daraus ergeben. Au\u00dferdem hat sie eine sch\u00f6ne und ehrliche Sicht auf die Widerspr\u00fcche, denen sie begegnet ist und wie sich auch einige Widerspr\u00fcche in ihrer Zeit hier aufgel\u00f6st und ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1378\" height=\"919\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/3-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-373\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/3-300x200.jpg 300w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/3-768x512.jpg 768w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/3.jpg 1378w\" sizes=\"(max-width: 1378px) 100vw, 1378px\" \/><figcaption>Am 8. M\u00e4rz in Qamishlo<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erz\u00e4hl doch erstmal etwas von dir. <\/strong><strong>Woher kam die Entscheidung nach Rojava zu gehen? Welchen Bezug hatte<\/strong><strong>st du<\/strong><strong> zu Rojava und zur kurdischen Bewegung bevor <\/strong><strong>du dich e<\/strong><strong>ntschieden ha<\/strong><strong>s<\/strong><strong>t hierher zu kommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mika: Ich bin Mika und komme aus Katalonien. Mein Name bezieht sich auf eine Internationalistin aus Argentinien, die in der Revolution von 1936 im spanischen Staat gegen den Faschismus k\u00e4mpfte. Ich komme aus einer katalanischen, anarchistischen Familie. Meine Eltern sind beide Anarchisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit ich klein bin, bin ich auf der Suche nach Antworten auf welche Art und Weise wir leben sollten. Meine ersten Antworten erhielt ich in der Geschichte meines eigenen Landes. Ganz konkret in der Revolution von 36, die von den anarchistischen Freund_innen angef\u00fchrt wurde. Ich habe mich dabei immer gefragt, was ich getan h\u00e4tte, h\u00e4tte ich damals gelebt. H\u00e4tte ich die ethische und revolution\u00e4re Verantwortung f\u00fcr diese Revolution \u00fcbernommen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine n\u00e4chsten Antworten fand ich in der praktisch gelebten Militanz, die in meinem Stadtteil Nou Barris stattfand. Da habe ich die Wichtigkeit einer Gesellschaftsorganisierung verstanden. Nou Barris ist eines der Arbeiter*innenviertel in Barcelona. Dort habe ich auch gesehen, dass die Bev\u00f6lkerung in der Lage ist sich zu organisieren, wenn sie ein gemeinsames Ziel hat. Aber als Anarchistin kam ein Moment, wo ich die Grenzen meines Stadtviertels gef\u00fchlt habe und es mir zu eng wurde. Ich musste dar\u00fcber hinausgehen und weitere Antworten suchen. Also verlie\u00df ich mein Viertel mit der Einstellung, dass die soziale Basis, die in meinem Viertel existiert, auf andere Stadtviertel und St\u00e4dte von Katalonien erweitert werden muss. Ich radikalisierte mich in anarchistischen und feministischen Kreisen Barcelonas. Aber die Jahre vergingen und ich stellte fest, dass ich noch immer keine Antworten gefunden hatte. Die sozialen Beziehungen, die in meinem Stadtteil existierten, fand ich nicht in der anarchistischen und feministischen Bewegung Barcelonas wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weder in Spanien noch in Katalonien gab es eine organisierte kurdische Bewegung. Doch durch den Widerstand von Koban\u00ea lernte ich die kurdische Bewegung kennen. Ich dachte damals, wenn es tats\u00e4chlich eine Revolution in unserer Zeit gibt, dann sollte ich mich ihr ann\u00e4hern und schauen, was sie vorschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich davon spreche, wie ich den kurdischen Freiheitskampf kennenlernte, muss ich auch von meinem Freund Pastor reden. Pastor ist auch aus Katalonien und war 6 Monate in Rojava. Als er zur\u00fcck kam, lernten wir uns kennen und er motivierte mich dazu mich n\u00e4her mit dem kurdischen Befreiungskampf auseinanderzusetzen. Er war es auch, der mich auf meine erste Bildung einlud, die eine Woche lang das Thema des demokratischen Konf\u00f6deralismus und Jineoloj\u00ee behandelte. Als ich in der Bildung war, erhielt ich einen Anruf, dass sich mein Freund Pastor umgebracht hat. Mein Zugang zur Bewegung ist somit ein ideologischer, aber gleichzeitig auch ein sehr emotionaler. Ich beschloss die Erinnerung an den toten Freund aufrechtzuerhalten und ging in die Arbeiten der &#8222;plataforma azad\u00ee&#8220;, das ist die Solidarit\u00e4tsplattform von Katalonien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb der &#8222;plataforma azadi&#8220; traf ich auf Antworten, die ich in der anarchistischen Bewegung nicht gefunden hatte. Durch den Kontakt zur kurdischen Bewegung er\u00f6ffneten sich mir neue Wege. Was mir in meinem Stadtteil so eng erschienen war, erkannte ich nun auf einer globalen Ebene. Ich sah, dass die Kurd_innen mit ihrem Kampf einen Weg und eine Form fanden, um diese revolution\u00e4re soziale Basis und Organisierung in alle Stadtteile Barcelonas, nach ganz Katalonien und dar\u00fcber hinaus zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders seit dem Beginn der Angriffe auf Afr\u00een sp\u00fcrten wir, dass mit jedem Angriff auf Afr\u00een, auch jede von uns angegriffen und getroffen wurde. Ich sagte mir, dass es notwendig sei die Praxis und das Leben dieser Revolution kennenzulernen. 1936 kamen tausende Internationalist_innen aus der gesamten Welt nach Katalonien, um gegen den Faschismus zu k\u00e4mpfen. Als ich das verstanden habe, dass der Internationalismus Teil meiner eigenen Geschichte ist, habe ich beschlossen nach Rojava zu gehen. Ich kam nicht von au\u00dferhalb um zu helfen, sondern sah mich als Teil des Prozesses, mit dem auch ich wachsen und ein Teil zu seiner Entwicklung beitragen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie haben sich deine Erwartungen und der Zugang zur Bewegung ge\u00e4ndert seitdem du hier bist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mika: Ich kam hierher um zu lernen und habe Dinge gelernt, die ich mir niemals vorstellen konnte. Ich habe die Essenz der Gesellschaft kennengelernt, sogar meine eigene. Zum Beispiel sehe ich in jeder Mutter hier meine eigene Mutter. Ich habe gelernt, wie dynamisch eine Gesellschaft sein kann und sich je nachdem was notwendig ist, organisieren kann. Als beispielsweise die Drohungen des t\u00fcrkischen Staates anfingen, ist die gesamte Gesellschaft zusammengekommen. Die, die nicht mit Waffen umgehen konnten, haben angefangen, das zu lernen. Die, die nicht wussten, wie man erste Hilfe leistet, haben das gelernt. Und alle mit der bewussten Entscheidung zu bleiben und ihr Land und ihr Projekt zu verteidigen.<br>Ich habe auch gelernt was Freundschaft (Hevalt\u00ee) wirklich bedeutet. Freundschaft, die uns miteinander verbindet und ausmacht, dass wir jetzt in Rojava sind. Unter uns befindet sich auch die Freundin Leyla G\u00fcven, die sich gerade in einem unbefristeten Hungerstreik befindet. Das bedeutet auch Hevalt\u00ee. Jemand kann am anderen Ende der Welt sein, aber wenn wir uns auf demselben Weg befinden, sind wir immer zusammen.<br>Was ich hier auch verstanden habe ist die Dialektik zwischen Leben und Tod. Ich erinnere mich besonders an einen Tag, als ich auf der Er\u00f6ffnungsfeier einer Grundschule war. Die Schule war f\u00fcr kleine Kinder, die gerade am Anfang ihres Lebens stehen. Ich verlie\u00df den Ort und ging zu einer Beerdigung von drei Freunden, die ihr Leben im Kampf um Deira-Zor verloren hatten. Alles war am selben Tag &#8211; die, die gerade ihr Leben anfangen und die, die gerade ihr Leben verloren haben. Diese Freunde sind auch f\u00fcr das Leben der kleinen Kinder gestorben. Diese Dialektik zwischen Leben und Tod ist hier in Rojava sehr deutlich. Bei den Erinnerungsfeiern weinen alle M\u00fctter, weil alle M\u00fctter gefallene Kinder haben.<br>Es gibt viele Internationalist_innen, die hier sehr entt\u00e4uscht sind, weil ihre hohen Erwartungen entt\u00e4uscht werden. Sie haben viele B\u00fccher gelesen und \u00fcber die Revolution diskutiert. Aber hier gibt es nat\u00fcrlich auch Fehler, klar gibt es Fehler. Die Revolution ist ein lebendiger Prozess und in diesem Prozess voller Leben gibt es Fehler. Deswegen machen wir auch eine Revolution. Vor allem habe ich hier gelernt, dass diese Revolution vor allem eine mentale ist. In der kurdischen Gesellschaft haben Gemeinschaft und Familie an sich schon einen starken Wert. Viel mehr geht es darum, die Mentalit\u00e4t zu ver\u00e4ndern, sie zu befreien. Wenn wir sie kurzfristig betrachten, sehen wir viele Fehler. Aber wenn wir langfristig denken, ist das der Weg der gegangen werden muss, um zum Erfolg zu kommen: die Mentalit\u00e4t zu ver\u00e4ndern. Ich sehe hier auch die Best\u00e4tigung, dass es notwendig ist, dass die Gesellschaft und die Revolution\u00e4r_innen eins sind. Die Gesellschaft ist die Basis der Revolution\u00e4r_innen. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich im Haus einer Familie war und der Mann der Familie sagte mir: &#8222;Die Gesellschaft ist ein Fluss und die Revolution\u00e4r_innen sind die Fische im Fluss.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kannst du darauf eingehen, was wir von der Revolution in Rojava f\u00fcr die K\u00e4mpfe zu Hause lernen k\u00f6nnen? Die Befreiungsideologie kommt ja aus einer anderen gesellschaftlichen Realit\u00e4t als unsere \u2013 also einerseits Kurdistan als Kolonie und andererseits Westeuropa als kapitalistisches Zentrum.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mika: In Europa haben wir Angst um ein Leben, was gar kein wirkliches Leben ist. Als Weihnachten Erdogan mit Angriffen drohte, stellte ich mir die europ\u00e4ischen Stra\u00dfen voller Weihnachtslichter vor. Alle Menschen sind auf der Stra\u00dfe, um einfach nur zu konsumieren. W\u00e4hrenddessen haben sich hier die Menschen vorbereitet ihr Leben zu verteidigen. Es kam mir vor, als ob wir in Europa ein Leben ohne Sinn leben. Es ist also sehr notwendig zu verstehen, was Leben ist und wir sollten uns die Frage stellen, wie wir leben m\u00f6chten.<br>Wir m\u00fcssen uns auch vom Staat trennen, nicht nur auf einer physischen Ebene. Das machen ja auch anarchistische und feministische Bewegungen zum Teil oder die Hausbesetzerszene. Wir besetzen, wir gehen containern, machen uns unsere Kleidung selbst. Auf der physischen Ebene wissen wir uns zu l\u00f6sen, aber es ist notwendig sich auch mental zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier bewegt sich das revolution\u00e4re Projekt mit der Gesellschaft. Es ist nicht so, dass die Revolution\u00e4r_innen in einer Ecke ihre Theorien ausarbeiten, die nicht mit der sozialen Realit\u00e4t der Menschen einhergehen. Sondern hier entwickelt sich der Prozess Schritt f\u00fcr Schritt mit der Gesellschaft, mit den Bed\u00fcrfnissen der Gesellschaft und mit ihrem Rhythmus. Das ist etwas, was wir in Europa lernen k\u00f6nnen. In Europa denken wir h\u00e4ufig, dass wir Revolution\u00e4r_innen sind, dass wir Anarchist_innen sind, die den Menschen etwas lehren k\u00f6nnen, aber die Gesellschaft k\u00f6nne uns nichts lehren. Wir m\u00fcssen diese Einstellung \u00fcberwinden. Wir m\u00fcssen die Gesellschaft kennenlernen, wir m\u00fcssen ihre Bed\u00fcrfnisse verstehen und die Gesellschaft muss unseren Vorschlag kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was wir noch mit nach Europa in unsere K\u00e4mpfe mitnehmen k\u00f6nnen, zumindest kann ich da f\u00fcr Katalonien sprechen, ist, dass wir unsere Angst vor F\u00fchrung verlieren sollten. Ich verstehe, dass zumindest im Deutschen dieses Wort sehr kompliziert ist. Also mit Angst vor einer F\u00fchrung meine ich zum Beispiel, die jetzige Situation in Katalonien, die ein Chaos ist. Die Menschen wissen, dass sie keinen spanischen Staat wollen, aber sie wissen auch nicht konkret, was sie wollen. Die katalanischen Politiker_innen haben sich delegitimiert. Die Menschen mobilisieren auf die Stra\u00dfen und es gibt Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Zukunft von Katalonien ist sehr ungewiss, es ist nichts klar, weil niemand die Bewegung, die es gibt, anleitet und sagt: &#8222;Lasst uns dahin gehen, lasst uns diesen Weg verfolgen.&#8220; Alle Menschen haben Angst, das zu machen. Wir haben ein Bild von F\u00fchrung als eine autorit\u00e4re Figur und ich verstehe, warum das so ist. Aber wenn du dich der kurdischen Bewegung ann\u00e4herst und die Figur des R\u00eaber Apo kennenlernst, verstehst du, dass alle seine Vorschl\u00e4ge immer auf Freiheit basieren. Vor allem \u00fcber die Befreiung der Frau. Du verstehst, dass eine andere Form von F\u00fchrung m\u00f6glich ist. Und das wir eine andere Form von Leitung lernen sollten und den Mut zu haben sie auch auszuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist auch sehr wichtig, das Thema der freien Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung in unsere L\u00e4nder mitzunehmen. Durch Methoden wie Kritik und Selbstkritik. Ich wei\u00df nicht, ob in der linken Szene in Europa generell, aber zumindest im spanischen Staat kritisiert niemand andere Personen, weil es die Idee einer individuellen Freiheit gibt, aber so k\u00f6nnen wir keine kollektiven Projekte aufbauen. Wir m\u00fcssen lernen, Kritik wie einen Schatz anzunehmen. Wir sollten lernen zu verstehen, dass wenn wir f\u00e4hig sind freie Pers\u00f6nlichkeiten aufzubauen, auch in der Lage sind damit unsere Freund_innen und die Gesellschaft mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><strong>Du bist <\/strong><strong>in den Arbeiten der Jineoloj<\/strong><strong>\u00ee<\/strong><strong>. In Europa ist es sehr auff\u00e4llig, wie wenig sich Feministinnen auf die Revolution in Rojava beziehen. Wie w\u00fcrde<\/strong><strong>s<\/strong><strong>t <\/strong><strong>du<\/strong><strong> den Feminismus in Europa derzeit bewerten und wo s<\/strong><strong>iehst du<\/strong><strong> Widerspr\u00fcche?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mika: Die Kritiken, die ich am Feminismus habe, sind genau dieselben Kritiken, wie ich sie auch an anderen Bewegungen, wie dem Anarchismus oder der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, habe. Es ist vor allem die Kritik am Individualismus und dass wir so weit weg sind von der Gesellschaft. Ganz konkret hat der Feminismus, zumindest in Katalonien, viel Kraft. Es gibt sehr viel Potenzial, um eine revolution\u00e4re Bewegung zu werden, die zu einer wirklichen Transformation f\u00fchren kann. Aber in der Praxis wird dieser Schritt nicht gegangen.<br>Es gibt eine Kritik der Jineoloj\u00ee am Feminismus, welche ich erst hier verstanden habe. Es ist der Umstand, dass vor allem innerhalb des autonomen radikalen Feminismus, den ich aus Katalonien kenne, die Einstellung vorherrscht, dass M\u00e4nner zur\u00fcckgewiesen werden m\u00fcssen.<br>Einer der ersten Schritte der kurdischen Frauenbewegung war die Theorie der Losl\u00f6sung. Das hei\u00dft sich physisch und psychisch von den M\u00e4nnern zu trennen. Aber das ist nur der erste Schritt, die erste Phase. Der n\u00e4chste Schritt ist, dass du mit einem starken Bewusstsein der Freiheit und der Organisation der Frauen in die gemischten Strukturen zu gehen. Denn wenn die Frauen ihre Schritte zur Befreiung gegangen sind, aber der Rest der Gesellschaft am gleichen Punkt verharrt, kann man nicht davon sprechen, dass eine Freiheit erreicht wurde. Deswegen denke ich, dass es notwendig ist, diesen zweiten Schritt gehen zu wollen. Es gibt viele Feminist_innen, die diesen Schritt nicht tun, nicht weil sie sich nicht trauen, sondern weil sie einfach nicht wollen. Sie sehen es nicht als notwendig an. Das ist eine der Sachen, an der sich mein Standpunkt ver\u00e4ndert hat. Denn ich komme auch aus einem radikalen, autonomen Feminismus in Barcelona und niemals h\u00e4tte ich gedacht, dass ich jetzt so rede. Man muss vor allem verstehen, dass Ver\u00e4nderung durch eine Einstellung geschieht, durch unser Miteinander \u2013 Hevalt\u00ee <em>(genossenschaftliches Miteinander\/Freundschaft)<\/em>. Durch unsere Art und Weise mit unserem Umfeld in Beziehung zu treten.<br>Meine Kritik an radikalen Bewegungen in Europa ist auch, sich nicht st\u00e4ndig in einen Abwehrkampf zu begeben und alles zur\u00fcck zu weisen oder die Konfrontation suchen. Wir sollten vielmehr lernen, in der Lage zu sein, etwas zu erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das erste Paradigma der Frauenbefreiungsideologie ist \u201ewelat parez\u201c, \u00fcbersetzt so etwas wie Heimatverbundenheit. Wie hat die Auseinandersetzung damit deinen Blick auf Internationalismus beeinflusst und was ist dein Verst\u00e4ndnis von Internationalismus allgemein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mika: \u00d6calan sagt, dass es notwendig ist zuerst eine gute welat parez zu sein, um eine gute Internationalistin zu sein. In meiner Zeit hier habe ich das verstanden. Denn durch meine Ann\u00e4herung an die kurdische Bewegung ist meine Liebe zu meinem Land, meiner Geschichte gewachsen. Gleichzeitig w\u00e4chst mit der Liebe zu meinem Land, meiner Geschichte auch die Liebe zur Geschichte und dem Land der kurdischen Bewegung. Das ist genau das, was Abdullah \u00d6calan sagt, dass es notwendig ist sich mit der eigenen Geschichte des Landes, der Kultur auseinanderzusetzen um sie wert zu sch\u00e4tzen, um f\u00e4hig zu sein K\u00e4mpfe au\u00dferhalb zu f\u00fchren.<br>Deswegen ist f\u00fcr mich Internationalismus Liebe. Wie ich schon sagte, ich komme aus Katalonien, wo 1936 tausende Internationalist*innen aus der ganzen Welt verstanden, dass sie eine Verantwortung als Revolution\u00e4r*innen haben, nach Katalonien zu gehen, um gegen den Faschismus in Katalonien zu k\u00e4mpfen. Als Revolution\u00e4rin aus Katalonien bin ich Teil der Geschichte und es ist auch meine Verantwortung dahin zu gehen wo eine Revolution f\u00fcr ein freies Leben ist. Man muss bereit sein sich zu beteiligen. Wir m\u00fcssen erkennen, dass wir uns in einer neuen Phase des Internationalismus befinden. Wir bauen gerade eine neue Form des Internationalismus auf und die Frauen sind die Vorreiterinnen dieses neuen Internationalismus. Wir m\u00fcssen uns der Verantwortung bewusst werden, die wir haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"981\" height=\"768\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-371\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/1.jpeg 981w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/1-300x235.jpeg 300w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/1-768x601.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 981px) 100vw, 981px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;aber der Kampf geht weiter! 13.03.2019 Seit ein paar Wochen haben wir die Reise in die Demokratische Konf\u00f6deration Nord- und Ostsyrien beendet. Somit kommt jetzt der letzte Blogbeitrag unserer Delegation. Mit dem Blog konnten wir nur einen kleinen Teil der vielen Facetten und Perspektiven dieser Revolution zeigen. 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