{"id":710,"date":"2022-08-24T12:49:21","date_gmt":"2022-08-24T10:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=710"},"modified":"2022-08-24T12:49:21","modified_gmt":"2022-08-24T10:49:21","slug":"kommentar-echte-solidaritaet-fuer-einen-gemeinsamen-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=710","title":{"rendered":"Kommentar: Echte Solidarit\u00e4t f\u00fcr einen gemeinsamen Kampf"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>17.09.2019<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am 11. September wurde in der <em>t<\/em><em>az<\/em> eine Kolumne zweier Autorinnen mit dem Titel \u201eDurchs wilde Deutsch-Kurdistan: Rechte und linke Projektionen auf Rojava\u201c ver\u00f6ffentlicht. In ihrer Kolumne versuchen sie, aus ihrer Perspektive skizzenhaft darzustellen, welche Gemeinsamkeiten \u201edie deutsche Linke\u201c auf der einen Seite, und die AfD auf der anderen Seite in Bezug auf Rojava aufweisen und mit einer <em>wei\u00df<\/em>-eurozentrischen Perspektive die kurdische Bewegung f\u00fcr sich vereinnahmen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kommentar von Sozdar Ko\u00e7er<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst ist wichtig zu fragen: Ihr redet von Befreiungskampf, den die <em>wei\u00dfen<\/em> \u201eDeutschen\u201c nicht verstehen, aber habt ihr die Radikalit\u00e4t und die realen Konsequenzen dieses Kampfes \u00fcberhaupt verstanden? Diese Menschen, von denen ihr redet, sind f\u00fcr Ideale und \u00dcberzeugungen in die Berge Kurdistans und nach Rojava \u2013 in die demokratische F\u00f6deration Nordostsyrien \u2013 gegangen und viele haben ihr Leben f\u00fcr die Luft gegeben, die wir alle atmen, um in der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Es ist h\u00f6chst anma\u00dfend, diesen Menschen ihre \u00dcberzeugung und Opferbereitschaft abzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist absurd, mit einer Staatslogik auf die deutsche Geschichte zu gucken, bel\u00e4chelnd zu sagen \u201eimmer waren es die Deutschen, die unter Systemen litten, f\u00fcr die sie nichts konnten\u201c und gleichsam abf\u00e4llig die Perspektive von unten zu ignorieren. Warum werden hier die Perspektiven der k\u00e4mpfenden Bev\u00f6lkerung, der Gruppen und Einzelpersonen und ihre Widerst\u00e4ndigkeit verleugnet? Wenn schon das Fass der deutschen Geschichte aufgemacht wird, warum werden alle, auf einem Territorium lebenden Menschen als eine einheitliche Gruppe abgestempelt und die \u201eRechten\u201c und die \u201eLinken\u201c gleichgesetzt? Und wo verortet ihr euch eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Jenseits der \u00fcberheblichen Argumentation, von der die Leser*innen nicht klar wissen, aus welcher Position sie ausgesprochen werden, und jenseits herablassender Begriffe wie \u201eHoppelei\u201c und \u201eH\u00fcpferei\u201c f\u00fcr einen Kampf, in dem t\u00e4glich Menschen aus \u00dcberzeugung ihr Leben geben, stellt sich die Frage, was mit den Aussagen bezweckt werden soll. Einfach einen Artikel dar\u00fcber zu schreiben, wie die \u201edeutsche Linke\u201c die \u201eKurd*innen\u201c ausnutzt, um ihren Wunsch nach \u201eRevolution\u201c erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, ist ziemlich kurz gefasst. Denn weder gibt es die \u201edeutsche Linke\u201c als eine homogene Masse, noch lassen sich die \u201eKurd*innen\u201c ausnutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu behaupten, die \u201edeutsche Linke\u201c beute die kurdische Freiheitsbewegung nur aus, bleibt in der patriarchalen Subjekt-Objekt-Logik verhaftet. Nicht ein einziges Mal habt ihr in eurem Artikel in Erw\u00e4hnung gezogen, von \u201eSolidarit\u00e4t\u201c zu sprechen. Zur Information: Die kurdische Bewegung denkt \u201ecritical whiteness\u201c, \u201ecultural appropriation\u201c, \u201eorientalism\u201c oder besser gesagt, die \u201eKarl Mays\u201c in der westlich-<em>wei\u00dfen<\/em> Mehrheitsgesellschaft mit! So ist die Gesellschaft in Rojava keine Schafsherde, die nur darauf wartet, dass ein paar <em>wei\u00dfe<\/em> Hirt*innen nach Kurdistan kommen, um sie zu z\u00fcgeln oder zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stimmt, dass die demokratische F\u00f6deration Nordostsyrien, sowie ganz Syrien Pl\u00e4tze des \u201eElends und der Kriege\u201c sind, jedoch ist es wichtig klarzustellen, welche Ideologien und welche M\u00e4chte diese Orte zu einem Kriegsfeld gemacht haben und immer noch machen. Klarzustellen, was f\u00fcr ein gesellschaftliches Projekt dort erk\u00e4mpft, aufgebaut und verteidigt wird. Warum sich so viele Menschen mit der kurdischen Bewegung identifizieren. Ich stimme zu, es ist ein enorm wichtiger Punkt davon zu sprechen, dass es <em>wei\u00dfe<\/em> Menschen gibt, die klare Orientalist*innen sind, die die Revolution in Rojava\/Kurdistan f\u00fcr ihre eigenen Interessen in Anspruch nehmen und sie romantisieren. Diese Kritik bleibt aber oberfl\u00e4chlich, wenn alle Internationalist*innen als Orientalist*innen abgestempelt werden, diese Orientalist*innen in eine einheitliche Kategorie \u201edie deutsche Linke\u201c gesteckt werden und die deutsche Linke gleichgesetzt wird mit der AfD \u2013 Endergebnis: die vermeintlich \u201edeutsche\u201c Gesellschaft. Diese Menschen k\u00f6nnen aber nicht auf diese skizzierte Karikatur reduziert werden. Eine solche Definition vertieft die Widerspr\u00fcche und Konflikte der Menschen, die in die engen Definitionen der Nationalstaaten gezw\u00e4ngt wurden. Genau solche Argumentationen sind es, die Konflikte anheizen, nationalistische Stimmung hervorrufen und letztendlich zu sogenannten \u201eethnischen Konflikten\u201c f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der St\u00e4rken der kurdischen Bewegung ist, die verschiedenen K\u00e4mpfe miteinander zu verbinden, voneinander zu lernen, sich gemeinsam zu bilden. F\u00fcr diese Prozesse wurden mit viel M\u00fche durch Frauen* Bildungszentren erk\u00e4mpft, eine eigene wissenschaftliche Herangehensweise und Analyse \u2013 die Jineoloj\u00ee \u2013 entwickelt und Akademien aufgebaut. In der Praxis werden unter anderem die Mentalit\u00e4t des (<em>wei\u00dfen<\/em>) Mannes und die orientalistisch-romantischen Vorstellungen vom Kampf aufgegriffen. So werden patriarchale Konzepte und Weltsichten innerhalb des revolution\u00e4ren Kampfes direkt angesprochen und den Menschen so eine M\u00f6glichkeit gegeben, internalisierte Machtstrukturen zu reflektieren und zu \u00fcberwinden. Diese Ann\u00e4herung wird allen Menschen verschiedener Str\u00f6mungen nahegebracht, ob sie <em>wei\u00df<\/em>, liberal, patriarchal oder orientalistisch sind. Denn nur so ist es m\u00f6glich, mit allen Menschen gemeinsam ideologisch, milit\u00e4risch und gesellschaftlich auf Augenh\u00f6he an allen Fronten und Pl\u00e4tzen der Welt zu k\u00e4mpfen!<\/p>\n\n\n\n<p>Vergessen wir nicht, dass Dank der Solidarit\u00e4t der Menschen weltweit die internationale Dimension des IS und die Verstrickung aller hegemonialen M\u00e4chte im sogenannten \u201esyrischen B\u00fcrgerkrieg\u201c \u00f6ffentlich gemacht wurde und die USA gezwungen war, den YPG-YPJ bei der Befreiung Koban\u00eas beizustehen. Die USA taten das nicht, weil sie so humanistisch sind. Es ist von enormer Wichtigkeit, die Solidarit\u00e4t von Menschen, die eine jahrzehntelange und bedeutende Geschichte hat, nicht zu negieren oder klein zu reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht beschr\u00e4nkt auf die Situation in Kurdistan zu schauen, muss zwischen orientalistischen Vorstellungen und einer wirklichen Suche nach Internationalismus differenziert werden. Was steckt hinter diesen Gedanken? Es muss die Frage gestellt werden, wie es denn sein kann, dass die Solidarit\u00e4t kritisiert wird? Wie kann es sein, dass in einer Zeit, in der die kurdische Frauen* an allen Fronten der Welt k\u00e4mpfen, diese \u00c4u\u00dferung in der <em>t<\/em><em>az<\/em> von zwei kurdischen Frauen kommt? Dieser Sachverhalt zeigt sehr deutlich, dass sie sich haupts\u00e4chlich auf die Welt des <em>wei\u00dfen<\/em> Mannes fixieren, M\u00e4nner beschreiben und sich an ihnen abarbeiten. Die Frauen* finden keine Erw\u00e4hnung! Sind sie etwa auch aufgrund \u201eantiimperialistischer Sehns\u00fcchte\u201c nach Rojava gegangen?<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverteidigung ist einer der faszinierendsten Gr\u00fcnde, warum so viele Frauen* sich auf den Weg nach Rojava machen. Damit WIR Frauen* in der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft \u00fcberleben, uns auf allen Ebenen verteidigen, uns mit dem Konzept der Frauenbewegung kritisch auseinandersetzen und voneinander lernen k\u00f6nnen. Frauen* weltweit identifizieren sich mit der kurdischen Frauenbewegung. Denn gemeinsam k\u00e4mpfen und gemeinsam aufbauen, das ist ein Verst\u00e4ndnis von Solidarit\u00e4t!<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Arbeiten der Internationalist*innen kennenzulernen, m\u00fcssen wir nicht nach Rojava gehen, sondern finden sie hier vor unserer Haust\u00fcr: In den kurdischen Vereinen wird internationalistisch gearbeitet. Die internationalistische Arbeit ist keine Arbeit, die einfach nur zum Spa\u00df gemacht wird, sondern sie ist eine harte und solidarische Arbeit, die uns an unsere Grenzen bringt. Es wird auf vielen anderen Ebenen Opferbereitschaft gezeigt. Hier in den Kiezen werden Diskussionen gef\u00fchrt, hier bilden wir uns gemeinsam, hier interessieren wir uns f\u00fcreinander und hier kritisieren und entwickeln wir uns gemeinsam in unserer Praxis. Das ist der N\u00e4hrboden einer starken Organisierung, die Grenzen \u00fcberwindet!<\/p>\n\n\n\n<p>Internationalist*innen sind nicht erst seit der Revolution in Rojava ein Teil der kurdischen Freiheitsbewegung sondern seit Beginn der 1990er, wie die Internationalistin Andrea Wolf \u2013 Nom de Guerre: Ronah\u00ee, die 1996 in die Berge Kurdistans ging und 1998 fiel. Ja, eine \u201eDeutsche\u201c. Aber mehr als eine \u201eDeutsche\u201c war sie eine Frau \u2013 eine Internationalistin \u2013 ein k\u00e4mpferisch-sch\u00f6pferischer Mensch!<\/p>\n\n\n\n<p>Hier stelle ich die Frage, ob es ausreicht, eine Kurdin zu sein, um zu entscheiden, wer wann was zu Kurdistan machen kann oder darf? Reicht es aus, einmal in Kurdistan gewesen zu sein, um den Kampf dort verstanden zu haben? Reicht die Recherche f\u00fcr die <em>t<\/em><em>az<\/em>-Kolumne aus, um die Auseinandersetzungen der linksorientierten bzw. autonomen Gruppen in Deutschland zu verstehen, die zu Kurdistan und anderswo arbeiten? Nein!<\/p>\n\n\n\n<p>Also lasst nicht zu, dass durch dieses Schwarz-Wei\u00df-Denken die Gesellschaft noch mehr zersplittert wird. Lasst uns die Debatten nicht auf \u201eMann\/Frau*\u201c und \u201e<em>wei\u00df<\/em>\/alman \u2013 nicht <em>wei\u00df\/<\/em><em>kurdisch<\/em>\u201c reduzieren! Und lasst uns Kritik aneinander respektvoll \u00e4u\u00dfern, damit wir uns gemeinsam weiterentwickeln k\u00f6nnen, statt die patriarchale Logik von Spaltung, Zersplitterung und Vereinzelung weiter zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht zielf\u00fchrend beim Aufbau einer \u00fcber die Grenzen hinaus reichenden demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft.<br>Das ist nicht zielf\u00fchrend f\u00fcr unseren gemeinsamen solidarischen Frauenkampf in Kurdistan und anderswo!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.09.2019 Am 11. September wurde in der taz eine Kolumne zweier Autorinnen mit dem Titel \u201eDurchs wilde Deutsch-Kurdistan: Rechte und linke Projektionen auf Rojava\u201c ver\u00f6ffentlicht. 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