{"id":755,"date":"2022-08-24T14:51:31","date_gmt":"2022-08-24T12:51:31","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=755"},"modified":"2022-08-24T14:51:31","modified_gmt":"2022-08-24T12:51:31","slug":"luther-versenken-statt-gedenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=755","title":{"rendered":"Luther versenken statt gedenken"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>02.22.2020<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Wie ihr vielleicht wisst, ist morgen Reformationstag, welcher 2017 bundesweit als Feiertag begangen wurde und seit 2018 in vielen Bundesl\u00e4ndern gesetzlicher Feiertag ist und an dem, zu gro\u00dfen Teilen, das Wirken Martin Luthers gefeiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die Erhebung dieses Tages zu einem Feiertag, haben sich vor allem j\u00fcdische Gemeinden vehement ausgesprochen. Denn selbst wenn man nur etwas an der Oberfl\u00e4che der Geschichte und des Denkens Luthers kratzt, kommt ein d\u00fcsteres Bild von krassestem Antisemitismus (welcher sich gegen J\u00fcd_innen als Ethnie richtet) und Antijudaismus (welcher sich gegen den j\u00fcdischen Glauben als Religion richtet) zum Vorschein. So lautet die erste von sieben Forderungen aus Luthers Hetzschrift <em>\u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c: \u201eErstlich, da\u00df man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht brennen will, mit Erde \u00fcberh\u00e4ufe und besch\u00fctte, da\u00df kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.\u201c<\/em> Die sechste fordert Enteignung, die siebte Zwangsarbeit: <em>\u201eZum Siebten, da\u00df man den jungen, starken Juden und J\u00fcdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schwei\u00df der Nase.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Seine Vernichtungsfantasien beziehen sich nicht nur auf J\u00fcd_innen sondern auf alles was nicht seiner Meinung und anders war als er. Darunter fallen auch sogenannte Hexen, Menschen mit Behinderungen, Andersgl\u00e4ubige, jede Person die gegen die Obrigkeit aufbegehrt und sogar einstige Weggef\u00e4hrten. Frauen* will er zwar nicht ausl\u00f6schen, seine \u00c4u\u00dferungen zeigen jedoch, dass er sich auch das wahrscheinlich w\u00fcnschen w\u00fcrde, k\u00f6nnten M\u00e4nner sich ohne sie fortpflanzen. <em>\u201cWenn man dies Geschlecht, das Weibervolk, nicht h\u00e4tte, so fiele die Haushaltung und Alles, was dazu geh\u00f6ret, zusammen, l\u00e4ge gar darnieder; darnach das weltliche Regiment, St\u00e4dte und die Polizey. Summa, die Welt kann das Weibervolk nicht entbehren, da gleich die M\u00e4nner selber k\u00f6nnten Kinder austragen.\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er sieht Frauen* als notwendiges \u00dcbel auf der Welt, minderwertige Menschen, die aber gebraucht werden, das sie die Aufgaben erf\u00fcllen, die der Mann nicht erf\u00fcllen soll. Der m\u00fcsse sich um die wichtigen Dinge k\u00fcmmern, zu denen Frauen* nicht in der Lage seien. Luther ist \u00fcberzeugt, &#8222;<em>da\u00df das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtsh\u00e4ndeln, die zu verwalten und zu f\u00fchren.<\/em>&#8220; Das zeigt klar, was die Aufgaben sind, die als h\u00f6herwertig gelten; herrschen, Krieg f\u00fchren, unterdr\u00fccken. Aufgaben, die lebensbejahend, lebenswichtig sind und meist von Frauen* getragen werden, werden abgewertet. <em>\u201eDer Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch m\u00fcde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.\u201c <\/em>Seiner Meinung nach, haben Frauen* keinen eigenen Wert, der ist von M\u00e4nnern abh\u00e4ngig und wird nur dadurch erf\u00fcllt, dass sie diese zur Welt bringen. So ist auch <em>\u201e<\/em><em>Die gr\u00f6\u00dfte Ehre, die das Weib hat, <\/em><em>(<\/em><em>ist<\/em><em>)<\/em><em> allzumal, dass die M\u00e4nner durch sie geboren werden.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich sind Frauen* nicht nur minderwertig, sie sind auch noch sch\u00e4dlich, bringen alles durcheinander, wenn sie denken sie k\u00f6nnten etwas. Das legt nat\u00fcrlich den Schluss nahe, dass sie gegebenenfalls auch davon abgehalten werden m\u00fcssen. <em>\u201e<\/em><em>Da Gott Adam zum Herrn \u00fcber alle Creaturen gesetzt hatte, da stund es Alles noch wohl und recht, und Alles ward auf das Beste gerieret; aber da das Weib kam und wollte die Hand auch mit im Sode haben und klug seyn, da fielt es Alles dahin und ward eine w\u00fcste Unordnung.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So ist Luther nicht nur Frauen*feind sondern auch ein Paradebeispiel f\u00fcr patriarchales (von Patriarchat = Herrschaft der V\u00e4ter) Denken, Dominanzdenken, Egozentrismus. Alles was nicht ist wie er, alles was nicht denkt wie er, geh\u00f6rt vernichtet oder unterworfen. Die einzige Daseinsberechtigung dieser Gruppen ist dann ihm und seinesgleichen zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist es nur logisch, dass er eine Bedrohung in den b\u00e4uerischen Aufst\u00e4nden, die zu seiner Zeit stattfinden, sieht. Er fordert in seiner Schrift <em>\u201e<\/em><em>Wider die r\u00e4uberischen und m\u00f6rderischen Rotten der Bauern\u201c:<\/em> \u201e<em>Drum soll hier erschlagen, w\u00fcrgen und stechen, heimlich oder \u00f6ffentlich, wer da kann, und daran denken, da\u00df nichts Giftigeres, Sch\u00e4dlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufr\u00fchrerischer Mensch.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Hexen, die noch \u00fcber Wissen verf\u00fcgen, das eben nicht diesen Interessen, denen der M\u00e4nner, der Adeligen und Reichen dient, sondern eher denen von Frauen* und miteinander und der Natur verbundenen Gemeinschaften, will er ausl\u00f6schen. Er sieht sie, in diesem Sinne zu Recht, als gef\u00e4hrlich an. <em>\u201e<\/em><em>Die Zauberinnen sollen get\u00f6tet werden, weil sie Diebe sind, <\/em><em>Ehebrecher, R\u00e4uber, M\u00f6rder\u2026 Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie get\u00f6tet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So muss man sagen, dass Luther nicht einfach nur mit den Meinungen seiner Zeit mitlief, einer Zeit in der die Abwertung von Frauen*, j\u00fcdischen Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen die anders und aufr\u00fchrerisch waren, normalisiert war. Er war eine einflussreiche Person. Seine Hass- und Vernichtungspredigten f\u00fchrten auch damals schon zum Tod unz\u00e4hliger Menschen, Niederschlagungen von Aufst\u00e4nden fanden durch seinen \u201eRat\u201c verst\u00e4rkt statt. Wie er selbst sagt <em>\u201eIch habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. <\/em><em>Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen solches zu reden.<\/em><em>\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann davon ausgehen, dass auch die Schriften die sich gegen Hexen, j\u00fcdische Menschen, Andersgl\u00e4ubige und Menschen mit Behinderungen wandten, schon damals unmittelbar zu Gewalt gegen diese Menschen gef\u00fchrt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden ist es erschreckend, dass es einen Feiertag zu Ehren Luthers Person gibt. Und zeigt mal wieder, dass wir in einem patriarchalen System leben, in dem es unz\u00e4hlige Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen gibt, die nach einem geistigen Brandstifter benannt sind, w\u00e4hrend kaum welche \u00fcberhaupt die Namen von Frauen* oder FLINTA tragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>02.22.2020 Wie ihr vielleicht wisst, ist morgen Reformationstag, welcher 2017 bundesweit als Feiertag begangen wurde und seit 2018 in vielen Bundesl\u00e4ndern gesetzlicher Feiertag ist und an dem, zu gro\u00dfen Teilen, das Wirken Martin Luthers gefeiert wird. Gegen die Erhebung dieses Tages zu einem Feiertag, haben sich vor allem j\u00fcdische Gemeinden vehement ausgesprochen. 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