{"id":911,"date":"2022-12-01T21:22:44","date_gmt":"2022-12-01T20:22:44","guid":{"rendered":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=911"},"modified":"2022-12-01T21:52:53","modified_gmt":"2022-12-01T20:52:53","slug":"gemeinsam-kaempfen-erinnerungen-an-hediye-abdullah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?p=911","title":{"rendered":"Erinnerungen an Hediye Abdullah"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDer Feind versucht ja nicht nur uns mit der Waffe anzugreifen, sondern auch unsere Gesellschaftsstrukturen zu zerst\u00f6ren. Es ist wirklich ein Krieg um Sein oder Nichtsein, in dem wir uns momentan befinden.\u201c Dieses Zitat stammt von Hediye Abdullah, die am 20. November bei einem t\u00fcrkischen Luftangriff in D\u00earik get\u00f6tet worden ist. Die Buchgruppe \u201e<a href=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/?page_id=136\">Wir wissen was wir wollen<\/a>\u201c hat sie bei einem Aufenthalt in Rojava kennengelernt und ihre Erinnerungen an sie aufgeschrieben:<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht vom 19. auf den 20. November bombardierte die t\u00fcrkische Luftwaffe erneut gro\u00dffl\u00e4chig die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Rojava (Westkurdistan) und den Nordirak. Dabei sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen und Hunderte verletzt worden. Eine der Bomben traf am Sonntag um Mitternacht auch ein Auto im Dorf Teqil Beqil nahe D\u00earik. Zwei der Insassen starben. Die Anwohner:innen eilten zur Hilfe und \u00fcbten in einer Pressemitteilung heftige Kritik an dem wiederholten Schweigen der Internationalen Koalition zu den Angriffen, als eine zweite Bombe fiel. Eben an jener Stelle, wo die Helfer:innen zusammengekommen waren, um ihrer Trauer und Wut \u00fcber die Ermordeten Ausdruck zu verleihen, starben neun weitere.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine dieser Toten hie\u00df Hediye Abdullah. Sie war Mutter von sechs Kindern und von Beginn an der Revolution in Rojava beteiligt. Im Frauenrat in D\u00earik war sie die Verantwortliche der Verteidigungskommission und Mitglied der HPC Jin, einer selbstorganisierten gesellschaftlichen Verteidigungsstruktur der Frauen, die es in jeder selbstverwalteten Stadt gibt. Ziel der HPC Jin ist es, die Selbstverteidigung der Frauen auf allen Ebenen zu st\u00e4rken und dort zu arbeiten, wo das Herz des Gesellschaftsaufbaus in Rojava liegt: in den Kommunen und der Nachbarschaft. Hier, wo die Menschen in Rojava zusammenkommen; wo sie ihrem Alltag und ihren Problemen gemeinsam begegnen wollen; wo Politik wieder etwas Echtes sein soll; wo die Frauen ihre Revolution erleben; dort gab Hediye Abdullah ihre ganze Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihren Worten hie\u00df das: \u201eWir haben die Selbstverteidigung im Lokalen verankert und der Gesellschaft ihre Verantwortung aufgezeigt. Wir wollten nicht, dass die Menschen aus Angst das Land verlassen. Vielleicht gehen einige, aber wir bleiben und verteidigen, was wir aufgebaut haben. Alles was wir sind, haben wir in dieser Revolution selbst erschaffen. Wir haben uns in dieser Revolution als unsere eigenen Lehrerinnen erwiesen. Wir haben uns alles gegeben und unsere Pers\u00f6nlichkeit, unseren Willen und unseren Widerstand in der Revolution kennengelernt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hediye Abdullah sagte das im Winter 2018. Auch damals hatte die T\u00fcrkei mit einer Invasion gedroht und sie nur wenige Monate sp\u00e4ter in die Tat umgesetzt. Auch damals starben Hunderte ihrer Freund:innen und Wegbegleiter:innen. Ihren Mut und ihren Willen hat sie dadurch nie verloren. Wir hatten zu dieser Zeit das Gl\u00fcck sie als feministische Delegation von \u201eGemeinsam K\u00e4mpfen\u201c kennenzulernen, Zeit mit ihr zu verbringen, von ihr zu lernen und ein l\u00e4ngeres Interview mit ihr zu f\u00fchren. Mit den Geschichten vieler weiterer gro\u00dfartiger Frauen ver\u00f6ffentlichten wir dieses Gespr\u00e4ch im Winter 2021. Es ist zu einem Buch geworden, das Einblick geben sollte in die Erfahrungen der Revolution von Rojava und denen, die all dies zu einer Frauenrevolution gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Titel verdankt das Buch \u201eWir wissen was wir wollen und was wir tun&#8220; der nun ermordeten Hediye Abdullah. Er stammt aus dem Gespr\u00e4ch, in dem sie von den Anf\u00e4ngen der Revolution berichtet. Sie erz\u00e4hlt von der Entschlossenheit mit der die HPC Jin &#8211; die lokalen Selbstverteidigungseinheiten der Frauen &#8211; aufgebaut wurden, von der Bedeutung der Revolution und davon, den Frauen ihr Selbstvertrauen wieder zu geben:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn unseren Unterrichtseinheiten lehren wir nicht nur Verteidigung mit der Waffe. Das geh\u00f6rt dazu, vor allem, wenn es zu Angriffsdrohungen kommt. Aber viel wichtiger ist die Bildung auf mentaler Ebene, also wie wir uns gedanklich in solchen Zeiten selbst verteidigen k\u00f6nnen \u2013 in Bezug auf die eigene Sprache, die Haltung oder wie wir uns bei Luftangriffen verhalten m\u00fcssen. Wie wir uns selbst sch\u00fctzen, wenn es Hunger gibt. Es geht nicht nur um Waffen, sondern vor allem darum, wie sich eine Frau gegen die m\u00e4nnliche Mentalit\u00e4t selbst verteidigen und wie sie ihre Kinder freiheitlich erziehen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gingen als Delegation damals nach Rojava, um von Freundinnen wie Hediye Ver\u00e4nderung lernen zu k\u00f6nnen und Mut zu finden. Wir gingen auch nach Rojava um irgendwann S\u00e4tze wie sie sagen zu k\u00f6nnen: \u201eWir wissen, was wir wollen und was wir tun. Wir haben unsere Ketten gesprengt. Wir als Frauen \u2013 auch in unserem Alter \u2013 und als M\u00fctter erleben in dieser Revolution eine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung in unserem Denken, unserem Willen und unserem Wissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In tiefer Trauer und Wut gedenken wir Hediye Abdullah und allen, die durch die m\u00f6rderischen Angriffe get\u00f6tet wurden. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihre Geschichten immer wieder zu erz\u00e4hlen, ihnen zu gedenken, egal wo wir sind. Was das t\u00fcrkische Regime ausl\u00f6schen will, tragen wir weiter; ihre Ziele, ihre W\u00fcnsche und ihr Vertrauen darin, dass eine bessere Welt m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gemeinsam K\u00e4mpfen rufen wir alle Feminist:innen, Demokrat:innen, Genoss:innen und Freund:innen auf, mit allen ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln f\u00fcr die Frauenrevolution in Rojava\/Syrien und die K\u00e4mpfe in Rojhilat\/Iran einzustehen. Sie sind die Hoffnung auf eine Welt ohne Patriarchat, ohne Gewalt und Ausbeutung, in Vielfalt, \u00d6kologie und Basisdemokratie. Hediya Abdullahs Geschichte ist lange nicht am Ende. Verteidigen wir die k\u00e4mpfenden Frauen &#8211; Jin Jiyan Azad\u00ee.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"990\" height=\"556\" src=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20221122-s308-jpg727d82-image.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-912\" srcset=\"https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20221122-s308-jpg727d82-image.jpg 990w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20221122-s308-jpg727d82-image-300x168.jpg 300w, https:\/\/gemeinsam-kaempfen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20221122-s308-jpg727d82-image-768x431.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 990px) 100vw, 990px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hediye Abdullah (links)<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Feind versucht ja nicht nur uns mit der Waffe anzugreifen, sondern auch unsere Gesellschaftsstrukturen zu zerst\u00f6ren. 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